Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 27 (1886)
- Issue
- Heft 72 (9.9.1886)
- Date
- 1886-09-09
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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12t!.", „Davon bin ich iiücwiifli; 2 k werden mich nicht zwingen, eine erläge gegen Sie bei der Overbebörde einzubringen .... (hnc Untersuchung dieser Angelegenheit würde Ihnen weder znr (ihre noch zum Nutzen gereichen." Der Bürgermeister erkannte, das; es dem Pfarrer mit seiner Drohung voller (hilft fei, er durfte diese Angelegenheit, in welcher er in jeder Beziehung so incorrect als möglich gehandelt, nicht auf die Spitze treiben und er sprach nach kurzem Bedenken: „Ich bin ein reicher Mann, mir komml's Gott Lob auf acht (dulden nicht an, ich ivcrde den Hungerleidern, die Paar lumpige Gulden schenken .... Ich möchte mich nicht gerne mit dem elenden Plebs gemein machen, und werde sobald ich nach Hause komme, die acht Gulden hcrüberschicken, ich bitte Sie, den Leuten das Geld als ein Geschenk von mir zu übergeben. Auch was die Pension betrifft, will ich nicht eigensinnig sein, und die Stadtkaffe anweiscn, dem ehemaligen Nachtwächter, trotzdem er jetzt gar nichts mehr leisten kann, sein Gehalt nach wie vor ausznzahlcn." „Ich will diese Vermittlung gerne übernehmen," sprach Pater Willibald, - „und somit wäre nun die eine Angelegenheit, wegen welcher ich Sie besuchen wollte, und die Sic als Bürgermeister und Privatmann anging, erledigt. Ich gehe nun zu der ziveiten über, die Sie als Later betrifft, und die Sie selbst in Anregung brachten.Während mir Wcuzl Urzmann seine Leiden vorbrachte, hatte sich, wie ich durch die dünne Thüre deutlich vernehmen konnte, zwischen den beiden 5tnaben ein lebhaftes Gespräch entwickelt, den ersten Theil hörte ich noch während der Nachtwächter sprach, und als ich diesen dann durch die Hinterrhüre meines zweiten Zimmers entließ, blieb ich horchend an der Thüre stehen, mn zu hören, wie sich die beiden Knaben weiter benehmen würden. Ich hatte nun wieder Gelegenheit zu erkennen, das; meine schlechte Meinung von Lorenz eine gerechtfertigte sei und die Ruhe und den Charakter Michaels zu bewundern." „Sie sprechen von dem Indenburschcn mit eben so viel Liebe und Enthusiasmus, als von. meinem Lorenz mit Abneigung und Verachtung," meinte der Bürgermeister bitter. „Ich spreche von jedem, wie er cs verdient .... Lorenz sprach ganz unvermittelt, während er die Reitgerte ans der Ecke holte und sie durch die Luft sausen lies;. „Weifst Du, was das mV" „0, ja," hat Michael erwidert, „daS ist eine Reitpeitsche." „Aber weißt Tn auch. weshalb ich sie heute mitgenommen V" frug Lorenz von Neuem. „Nein, das weiß ich nicht," lautete Michael's Antivort. „Um Dich, wenn wir fortgehen, halbtodtzitprügeln!" Der Ton, in dem Ihr Sohn sprach, schloß offenbar jeden Scherz aus, und Michael sprach: „Ja, warum willst Du mich dem, yalbtodiprügelu? Irh habe Dir ja uichls zu Leide gethau, Dich nie beleidigt." „Das möchte ich Dir auch nicht wünschen," hatte Loreuz hohuvoll darauf geantwortet und war sorlgesahreu: „Mein Vater 'zwingt-mich zur Stunde hierher zu gehen und ich muß ihm ja doch zuweilen gehorchen. Ich will aber mit keinem Inden zusammeulerueu, nicht neben einem Juden sitzen, nicht mir einem Juden in einem Zimmer sein; und da dcuk' ich, wenn-ich Dich tüchtig durchwalke, wird Dir die Lust vergehen, wieder hieher zu komme», und Tu wirst den Platz räumen!" Ich war über die Rohheit Ihres Sohnes empört, aber ich bezwang mich, ich wollte scheu, lute sich Michael Klein diesem brutalen Angriffe gegenüber benehmen würde; nvthigensalls konnte ich ja rasch einireten. Zu meinem' nicht geringen Erstaunen bewahrte der neunjährige Knabe eine geradezu bewundernswürdige Ruhe, die man für Muthlosigkeit hätte halten können, wenn nicht -der weitere Verlauf der Begebenheiten bewiesen, daß er sein Recht niannhaft zu vertreten weist, und sich seiner relativ großen Körperkraft vollkommen bewußt war. „Weshalb aber willst Du neben keinem Juden sitzen V" frug er. „Weil alle Inden Hallunken sind. Du bist ein Hallnnke, Dein Pflegvater ist ein Schuft, Deine Mutter war eine Landstreichern!, Tein Vater . . . Michael hatte Ihren Sohn unterbrochen. „Was Tu von mir sprichst, ist mir gleichgillig, denn ich verachte Dich, Du bist ein dummer, böser, unwissender Junge, aber meine Eltern im Grabe und meinen Pflegevater laffe ich nicht beschimpfen; .... ich verlange, daß Tn Deine Worte widerrufst!" Ihr Lorenz schäumte vor Wurh. Der ungezogene Junge vergas; daran, daß er den kleinen vaterlosen Knaben, der ihn nicht mit einer Silbe, nicht mit einer Miene beleidigte, in den Menschen, die ihm die Liebsten auf der Erde, deren Erinnerung ihm heilig war, tödtlich verletzte, er glaubte Jedermann ungestraft mit Füßen treten zu dürfen, sich selbst aber vielt er für unverletzlich und rief: „Daß ich liier in -der Wohnung des Pfarrers bin, soll mich nicht abhallcn. Dich für Deine Unverschämtheit zu züchtigen," und bei diesen Worten machte er Miene, mit der Reitveilsche auf Michael einzndringcn. Jetzt öffnete ich rasch die Thüre, aber Michael bedurfte meiner Hilfe nicht; er sprang auf Lorenz zu, entriß ihm die Reitpeitsche und hielt sie einen Moment drohend gegen ihn ge- IS6S*388