Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 27 (1886)
- Issue
- Heft 72 (9.9.1886)
- Date
- 1886-09-09
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2446951-2449600-2449669--24989-2514737- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
xxvu. Mraaug. M 72> Ein Kenirat - Hrgan für das ortssodo.re ZudenLhum. Hepausgegeben von Br. Lehnmuu irr Mainz. D o rr n e r ft a g, den S. L e p t e m b e v 5646 (1886). Leitende Artikel. Die Sprüche der Wler. II. Buch, zweite Ztbtheiluug. XXXVII. Mainz, 6. September, pro-, rozsn byyi. „Und der Hausherr drängt." Eines der rathselhastesten Blätter der Weltgeschichte ist das Blatt, welches uns die Geschichte Israels erzählt. Dcr-Liedlmg—Gottes -von-Anbegimn an hat kein Volk so viel r» leiden und rn dulden gehübt wie das nnsrige. Abraham, der Begründer unsres Volkes, mußte als Fremdling im fremden Lande weilen, und als er die geliebte Gattin durch de« Tod verlor, mußte er für schweres Geld die Stätte kaufen, an der er die Leiche bergen durfte. Als sein Sohn Jizchak zu Ansehen und Wohlstand gelaugte, wurde er von Abimelech „ausgewiesen." Jakob mußte leiden und kämpfen und dulden von Jugend an bis zu seinem Grcisenalicr. Tie Wiege des israelitischen Volkes stand in Aegypten, und harte Knechtschaft, furchtbare Mißhandlung waren das Loos der ersten Geschlechter des israelitischen Volkes. Im heiligen Lande war die Zeit der Vlüthe und des Wohlstandes eine überaus kurze, und seit der Auflösung des jüdischen Staates hat kein Volk so viel gelitten, keine Station so viel erduldet, wie die Nachkommen Jakobs, lieber alle Enden der Erde ward es zerstreut, und cs gibt kaum ein Land, welches seinen Boden nicht mit dem Blute jüdischer Märtyrer befleckt hätte. Manchmal schien es, wie wenn in einem oder dem andern Laude Israel eine neue Hekmath gefunden; die Söhne Juda's lebten dann zufrieden ifüi) glücklich von den Mühen ihrer Hände, in Eintracht mit ihren Mitbürgern, bis urplötzlich oder auch allmählich das Unglück über sie hereinbrach. So geschah es in Aegypten, in Mesopotamien, in Nord'afrika, in Spanien und Portugal, in Frankreich, in England, in Deutschland. Aus Polen erließ Rabbi Moses Jfferles vor mehr als dreihundert Jabren ein Sendschreiben an die deutschen Inden, in welchem' er sie anfforderte, das Land der Unterdrückung zu verlassen und sich in den Schutz der toleranten, polnischen Könige zu begeben. Kaum ein Jahrhunderts später^^bracheu, apch über, die. .Juden in "Polen furchlbäi-L^Leldeil hcrein. Unsre Lvelfcil beleuchten diese Vorgänge durch ein Gleichnis;: Nabbah bar bar Chanah erzählte: Wir zogen zu Schiff durch das Meer und sahen einen großen Fisch mitten im Meere liegen; aus seinem Rücken hatte Erde sich augesammelt, und aus dieser wuchs Schilf empor. Wir wußten nicht, daß cs ein Fisch war, und hielten, was sich unsren Augen darbot, für festes Land. Wir fuhren an, stiegen ans und singen aus dem Nucken des Fisches an zu backen und zu kochen. Als es ihm aber warm wurde, da drehte er sich um und warf uns ab. Wäre unser Schiff nicht in der Nähe gewesen, wir wären im Meere versunken. (Baba Bathon 73 d.). Die Deutung dieser so rathfelhaft erscheinenden Erzählung ist unsrer Ansicht nach die folgende: Wir Israeliten werden aus dem Meere des Lebens nmhergcworsen. Das Schiff, welches uns Leben und Rettung gewahrt, ist unsre heilige Religion: in ihr sind wir geborgen vor dem wüthcnden Elemente, vor Snrrm und Unwetter, vor Wellen- und Wogengebraus. Gar gern mochte», auch wir am festen Laude wohnen, und in der Thar glauben wir oft, feste Wohnste gefunden zu haben bei einer Nation, die uns widerstandslos ausnimmr.. So