Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1886-09-02 · Heft 70 (2.9.1886) · page 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
27 (1886)
Issue
Heft 70 (2.9.1886)
Date
1886-09-02
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2446951-2449600-2449667--24953-2514699
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Illll.'l Es soll eine .(licnoffiu von Dieben und Räubern werden, eine öffentliche Dirne, um dereinst mit Schmach beladen, mit elelyaslerKunitheit behaftet, ans dem Misthanftu oder im Zuchthause zu verrecken l Das soll meine stäche fein. Dn wirst feine frohe Minute mehr Huben. Tag und Reicht lvirst Du nach DeinemKinde jalmnern und es nicht finden. Du wirft Deinem Bachur das Leben zur Höllenstein machen, bis das; er Dich fortschickt oder elendiglich zu Grunde gehr. Ievt bleibst Du gefesselt liegen, den Knebel im Munde, bis Dich morgen früh die Leute finden. Bis dahin kannst Du fchrafen. Ich wünsche Dir ein fröhliches Grwachen!" Auf seinen Wink banden die Männer das unglückliche Weib mit Stricken fest und liehen es am Boden liegen. Auch der kleinen, schreienden Esther verschlossen sie das Mündchen. Am andern Morgen stellte cs sich heraus, das; die Räuber auch den im Hause anwesenden dritten Knecht und die Magd geknebelt und gefesselt hatten. Lea verfiel in ein hitziges Fieber. Als Rabbi Laser nach Hause znrnckkehrtc, fand er das Glück seines Lebens zerstört. Eine grosse Summe Geldes war ihm geraubt und sein Lrwhlstand dadurch erschüttert; sein geliebtes Weib lag am Sterben; sein einziges Kind war fort. Als ihm die Schrcckensbotschafl wurde, fing er laut an zu weinen. Dann aber fasste er sich und sprach: „Gelobt seist Du, Ewiger, unser Gott, König der Welt, Du wahrhafter Richter! Der Herr hat» gegeben, der Herr hat's genommen, cs sei der Raine des Ewigen gepriesen." Lea lag in der größten Fieberhitze, in der entsetzlichsten Weise phantasirend. Wiewohl sie ohne Zusammenhang sprach, konnte man doch daraus entnehmen, daß Zodik der Anführer der Räuber gewesen. In der ganzen Stadt nahn; man den grössten Antheil an Rabbi Laser's Unglück. Die Behörden fahndeten auf die Verbrecher, ohne eine Spur von ihnen entdecken zu können. Die Strolche waren wahrscheinlich äus weiter Ferne unter Zodik's Anführung hergckommen, hatten die Hofmaner überstiegen und den Hofhund gctödtet. Rach vollbrachtem. Raube hatten sie sich eilig aus der Gegend wieder entfernt und waren in Sicherheit, ehe noch die Behörde von dem Einbrüche etwas erfuhr.^ Lea schwebte lange zwischen Leben und Tod. So sehr Rabbi Laser die Genesung seines geliebten Weibes wünschte, so fürchtete er doch ihr wiedcrkehrendes Bewußtsein. „Wie wird sie", nagte er sich, „den Verlust des Kindes ertragend Ja, wenn cs gestorben wäre — ich könnte sie trösten. Gott hat cs in Seiner Gnade so eingerichtet , dass die Verstorbenen vergessen lverden. Aber das .Kind lebt, lebt unter.Rändern und Mördern — wie wird Lea diesen Gedanken ertragen können? Wenn sie genesen wird, so kann ihr Leben nur ein fortdauernder .Kummer sein. Allgiitigcr Gott, verleihe mir Kraft, nach so vielem Elend auch das zu überwinden! Lass mein wieber gesund werden und gib, dass ihre Seele nicht nmnachtet wird!" Lea's kräftige Ratnr widerstand der verzehrenden Krankheit. Rach neun Tagen hatte sie einen ruhigen Schlmnmer und erwachte zu Leben und Gesundheit, ^ie erkannte ihren Mann, der an ihrem Bette fass. „Rabbi Laser", sagte sic sanft, „um meinetwillen hast Du so Schweres erdulden müssen!" Sie erzählte dann ihrem Gatten alles, was Zodik in jener Schrcckensnacht zu ihr gesprochen hatte; sie verhehlte ihm nichts, und der starke Mann erzitterte unter der schweren Wucht jener entsetzlichen Aussicht, die sich ihm auf die Zukunft seines einzigen Kindes, des Lieblings seines Herzens, bot. Auch die Schlußworte des Räubers, die sich auf Lea ltnb deren Gatten bezogen, wiederholte das unglückliche Weib. „Darin aber", schloss sie ihren Bericht, „soll der schändliche Mensch sich geirrt haben. Ich werde Dir nicht durch mciucn Kummer das Leben verbittern. linier Kind steht in Gottes Hand. Er wird es behüten und beschützen vor solch einem entsetzlichen Loose. Ich ergebe mich in Seinen heiligen Willen und werde den unendlichen Schmerz zu bekämpfen versuchen. Dn, mein geliebter Gatte, hast um meinetwillen genug gelitten; ich will Deine Leiden nicht noch vermehren." „Gelobt sei Gott", sagte Rabbi Laser, „der solche Gedanken Dir cingegcben! Durch Seine allmächtige Hilfe werden wir unser geliebtes Kind wieder erhalten!" Lea hielt Wort. Mit übermenschlicher Anstrengung bekämpfte sie ihren tiefen Schmerz und suchte nicht allein fröhlich und heiter zu scheinen, sondern auch, zu sein. Durch angestrengten Fleiß brachte Rabbi Laser das Verlorene wieder bei. Nicht lange nachher wurde ihm von der Regierung eine grössere Lieferung übertragen, die ihm bedeutenden Gewinn brachte. Das geraubte Silber und all die andern gestohlenen Sachen wurden durch schönere und kostbarere Tinge ersetzt. Für die geraubte Tochter aber gab es keinen Ersatz. (Fons, folgt in der nächsten Donnerstagsnummer.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.