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Der Israelit · 1886-09-02 · Heft 70 (2.9.1886) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
27 (1886)
Issue
Heft 70 (2.9.1886)
Date
1886-09-02
Page
– (sequence 7)
Language
German
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„Da ich alle Ihre billigen Bedingungen annehme, darf ich »nn doch hoffen, das; Sie es flc* statten, daß Lorenz als Ihr Schüler zu Ihnen kommt, wann darf er erscheinend „Täglich mit acht Uhr, Morgens, ES ist selbstverständlich, wenn ich durch eine amtliche Funktion verhindert werde, entfällt die Unterrichtsstunde." „Ich danke herzlichst für Ihre Güte nnd im Vornhinein für Ihre Bemühungen," sprach der Bürgermeister dem Pfarrer die Hand drückend. * * ■ -i- Anf diese Weise waren Michael Klein und Lorenz Golzinger, freilich nur auf kurze Zeit, Mitschüler geworden. Zehntes Kapitel. Pfarrer Willibalds Voraussetzungen bezüglich Lorenz Golzinger's hatten sich schon in sehr kurzer Zeit als richtige bewährt; alle seine Borhersagungen waren cingetroffen. Er schenkte den Unterweisungen des Pfarrers nicht die geringste Aufmerksamkeit, er wußte fast nie, wovon sein würdiger Lehrer sprach, er lernte weder Worte noch Declinationcn, noch Eonjugationen. Wenn er auf dem Wege vorn Vaterhause in die Pfarrei gerade einem muffigen Gassenjungen und edlen Gesinnungsgenossen begegnete, der ihm die Kunde brachte, daß irgendwo vor der Stadt ein Vogelnest auszunehmen sei, oder ein Drache aufsteigen sollte; oder die Gassenjungen der Stadt mit der Jugend des nächsten Dorfes, „Krieg" zu führen beabsichtigten, war Lorenz sofort geneigt, diesen nützlichen Leibesübungen weitaus den Vorzug vor dem „dummen, nichtsnutzigen Latein," wie er diese altehrwürdige Sprache bezcichncte, zu geben und kam entweder gar nicht zur Unterrichtsstunde oder am Schluffe derselben, mit schmutzigen Händen, zeripenen Kleidern, wenn seine „Partei" gerade „die Schlacht verloren," auch mit ehrenhaften Wunden, im Gesicht oder Beulen am Kopfe, welche von den langen. Nägeln reckenhafter Dorfhelden oder von ihren Steingeschopen herrührten, und konnte dann weder über sein spätes Kommen, noch über die Ursache seiner äußern Erscheinung eine beftiedigende Auskunft crthcilen. Daß unter fothanen Umständen Lorenz keine Fortschritte machen konnte und dem Pfarrer großen Verdruß bereitete, ist wohl begreiflich. Vielleicht hätte Pater Willibald in seiner heroischen Geduld es trotzdem noch ferner gestattet, daß Lorenz bei dem Unterrichte, den er Michael ertheüte, anwesend sein dürfe, wenn nicht ein Ereigniß emgetreien, welches gleichfalls vom Pfarrer vorausgeschen worden war, und diesen auch zu einem vollnäudigeu Bruche mit bem Stadtoberhaupte vcraiilaßte. Eines Tages nämlich, umv der Bürgermeister vor Zorn voll) wie ein Pnterhah», bem man ein Scharlachluch zeigt - - in die Pfaerstube getreten und Halle vor grimmigen Schnauben erst nach einigen Sekunden zu sprechen vermocht. „Herr Pfarrer, ich komme Ihnen nur anzuzeigen, daß ich als Polizci-Ehef der Stadt, Ihrem säubern Schüler und Liebling, dem fetfcit, unverschämten Judenbnben, Michael Klein, eine starke, körperliche Züchtigung erthcile, ihn acht Tage lang bei Wasser und Brod einsverren, und es bann in reiflicher Erwägung ziehen werde, ob ich nicht diesen fremden Vagabunden, der nach unserem weisen Landesgesetze eigentlich hier gar nicht geduldet werden soll, und die ihm erwiesene Huld und Gnade in schändlichster Weise mit Undank vergilt, ausweisen soll." Der Pfarrer erhob sich von seinem Sitze zur vollen Höhe seiner imponirenden Gestalt und sprach: „Herr Bürgermeister! ich war eben im Begriffe Sie zu besuchen und mit Ihnen, in Ihrer doppelten Eigenschaft, als Vater Ihres Sohnes und Vater der Stadt, der Sie sein sollten," der Pfarrer betonte das letzte Wort, in scharfer Weise, „in wichtigen Angelegenheiten zu sprechen. Aber, da Sie sich zu mir bemüht, und das Gespräch eröffnet haben, will ich vorerst dieses fortsetzen, um so mehr, als wir beide, wenigstens theilweise, offenbar ein und dieselbe Angelegenheit, wenn auch dieselbe von den verschiedensten Standpunkten betrachtend, behandeln wollen. Ich muß Sie bitten," fuhr der Pfarrer, in einem so strengen Tone fort, daß der Bürgermeister betroffen aufblickte, „mir Zu erklären, weshalb Sie über meinen lieben Schüler, Michael Klein, der während seines Aufenthaltes in unserem Städtchen, nie die geringste Veranlassung zur. Klage und Unzufriedenheit gegeben, eine schmerzliche und entehrende Strafe verhängen wollen?" „Der Saubube!" sprudelte Golzinger, vor Wuth fassungslos, heraus, „hat sich erfrecht, mein Kind Hallunke zu neunen und ihm mit einer Reitpeitsche clttcn Schlag zu versetzen." „Wem danken Sie diese Mitthciluug, Herr Bürgermeisters" „Meinem isohne, und die Schramme in seinem Gesichte habe ich mit meinen eigenen Augen gesehen . . . „Herr Bürgermeister," unterbrach ihn Pater Willibald, „Sie sind Jurist, und sollten ebenso, wineu, daß Niemand in seiner eigenen Sache Richter

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