Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 27 (1886)
- Issue
- Heft 68 (9.8.1886)
- Date
- 1886-08-09
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Lorenz Golzinger.jjattc bis zn seinem dreizehnten Jahre die Hauptschule in W. besucht. 6r war der nichtsnutzigste Junge, den sich die reifte Phantasie des schwerstgeplagten, erfahrensten Schulmeifters nur anszndenten vernrocht haue. Er vereinigte alle schlechten, auch scheinbar einander rvidersprechenden (Eigenschaften. Im Lernen ost bis zur Unbegreiflichkeit begriffsstutzig, besah er in Bezug ans (Erfinden der originellsten Gaffenbnbenstrciche eine Virtuosität, welche die reichste Eombinatiousgabe voraussetzen lieh. Wenn er etwas lernen sollte, bewies er eine Ungeduld, welche selbst den sanftesten Lehrer zur Verzweiflung bringen konnre, aber wenn de§ boshafte Range einen schwächer» Knaben durchprügeln wollte, konnte er ihm mit heroischer Geduld oft stundenlang in einem Verstecke auflaueru. Als Sohn des Bürgermeisters, dummstolz und hochmüthig, würdigte er oft die Grüße erwachsener Menschen keiner Erwiderung, dagegen aber verschmähte es der dreizehnjährige Bengel nicht, mit bcii kleinsten, baarfüßigen, schmutzigen Jungen auf vstener Straße, Fuhrmann und Pferdchen, Polizeimann und Räuber, blinde Kuh, oder Soldaten zu spielen. Lorenz Golzinger hatte die Rormalschnle sieben Jahre lang besucht, aber da er unbegabt war und auch keinen Willen besaß, hatte er nur äußerst spärliche Kenntnisse gesammelt und auch das geringe Willen, das in der Rormalschnle unterrichtet wurde, nicht erlernt. Allein da bekanntlich Alles auf dieser irdischen Welt einmal doch ein Ende nehmen muß, so mußte schließlich doch darüber Rathes gepflogen werden, was mit Ehrcn-Loren.z endlich geschehen solle. Der Schuldirektor berief die Lehrer zu einer Konferenz und schlug vor, man möge Lorenz Golzinger endlich ans der Schule und — wie er mit rührender Offenherzigkeit aussprach, als Sohn des geflüchteten Bürgermeisters — mit einem glänzenden Zeugnisse entlassen. Darauf aber gab der Restor der Schule, Lehrer Balanek, zu bedenken, ob hierdurch nicht eine eunninente Gefahr für das Lehrcrpersonal erwachse. Soweit nämlich menschliche Berechnungen reichten, müsse Lorenz Golzinger, wenn ihm der liebe.Herrgott nicht ein unverdientes Wunder erweise, bei der Aufnahms- Prüfung an dem Gymnasium in Brünn, wohin des Bürgermeisters Einfluß nicht reiche, in gloriosester Weise durchfallen, und würde hierdurch der grimme Zorn des vielgewaltigen Sladttyrannen auf die Häupter der Lehrer herabbeschworen. Er — Redner Balanek — stelle es daher der reiflichen Erwägung des Herrn Schuldirektors und seiner Herren Kollegen anheim, ob cs sich angesichts der bodenlosen Hiiwisseuheit Ehren'Lorenz, nicht dringe»,d empfehlen dürfte, seiner Gesueugeu den, Herrn Bürgermeister mit dem verschlvenoerischsteil Auswaude biplmmv listher Schulweisheit, nahe zn legen, seinen „ansgeweetlen Sohn" iLehrer Balanek mußte gesielten, daß in diesem Falle das Adjecliviim „aufgeweckt" die alleräußerste Grenze eines gestatteten Euphemismus tangire) sowohl zu seiner eigenen Ausbildung, als auch zum leuchtenden Erempe! für die andern Schüler, noch ein Jahr lang die Schule besuchen zu lassen. — Allein dieser Vorschlag rief allgemeine Entrüstung hervor. Der Schuldirektor Brodniczek erklärte, daß nur ein Feind der Lehrer eine solche Proposition Vorbringen könne. „Der versalzene Höllenbraten," wie er Lorenz in gerechter Aufregung und poesievoller Umschreibung bezcichnete; sei nur zur Qual seiner Lehrer geschaffen und cs sei nur als ein Wunder des grundgütigen Gottes zu betrachten, daß er — „der versalzene Höllenbraten" nämlich — nicht ihm und sämmtlichen Lehrkräften eine hochgradige Gallenverbreitnng angeärgert habe, daß er — der Direktor — nichts weniger als die Absicht habe von bem „boshaften Karnickel" — wie er Lorenz Golzinger in reizender Abwechslung betitelte, noch länger „sekkircu" zu lassen, er vielmehr sich der süßen Hoffnung hingebe, die Gymnasialprofefforcn in Brünn, welche den W.er Bürgermeister nicht zu fürchten hätten, würden Lorenz all das „gebrannte Herzleid," das er den W.er Lehrern zugefügt, heimzahlen. Lehrer Balanek trat, nachdem er über diesen „verzwickten Easns," wie er sich ansdrückte, längere Zeit nachgcdacht, mit einem neuen Vorschläge ans, der sich im Gegensätze zu seinem ersten, des höchsten Beifalls und allgemeinster Zustimmung erfreute. Balanek hatte in feiner Jugend (bevor er ans demselben gejagt wurde) durch zwei, drei Jahre das Gymnasium besucht und liebte es durch halbgelehrte Brocken, seine vermeintlich höhere Bildung zu dokumenriren, und er sprach folgendermaßen : „Wir stehen da vor der Scylla, uns noch ein Jahr ^lang von dem Lumpen Lorenz zu Tode ärgern zu lasten, oder der Eharybdis, cs zu erleben, daß ein von uns als Prämiant entlassener Schüler bei der Aufnahmsprnfung am Gymnasium schmachvoll durchfällt, unseren und den Ruf unserer Schule schädigt und den Zorn des Bürgermeisters auf nufer Haupt herabbeschwört. Ich glaube den richtigen Ausweg gefunden zn haben. Es ist uns ja bekannt, daß unser Herr Pfarrer den Unterricht des gnkgearreren, begabten Judenknaben Michael Klein in den Gymnasialgcgenftänden übernommen