Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 27 (1886)
- Issue
- Heft 67 (23.8.1886)
- Date
- 1886-08-23
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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blieben wäre, jene trieft wie diese, Sara, und wir Jude» haben die Gt'pslM'liheit ein Lind nicht nach lebenden tf-Umi oder (ViroftcMcni ,w nennen, inib es ist dies auch recht und löblich, üin'im beide Namen gleich lauten, kann ein verdienter Tadel, der dem Kinde ausgesprochen wird, irrthnnilich auf die Eltern oder Großeltern bezogen werden und dem schuldigen Respekte Abbruch thmi; — allein jetzt unter den traurig veränderten Verhältnissen, können wir unser kleines Mädchen Sara neunen." Wieder, trat eine Pause in der Besprechung zwischen Brack und Michael ein. Jener aber dachte an Alles, der Schmerz um die verlorene Gattin, durfte ihn nicht abhalten, die freiwillig übernommenen Pflichten gegen seinen Adoptivsohn zu erfüllen, und er sprach endlich: „Heute Nachmittag wirst Du die Schule nicht besuchen wollen, Du würdest heute dem Unterrichte nicht die notwendige Aufmerksamkeit zuwenden können, aber morgen mußt Du wieder in gewohnter Weise die Schule besuchen." „Aber wir haben ja Schiwe-) — da darf ich ja nicht das Haus verlassen!" „Mein liebes Kind," erwiderte Brack gerührt. „Meine Frau hat Dich geliebt als wenn Du ihr leiblich Kind gewesen wärst; aber Du warst cs doch nicht.... unsere Weisen haben die Traucrwoche nur für die sieben nächsten Verwandten, welche Du aus der Bibel kennst, bestimmt. Du warst uns ein Freund, aber blutverwandt bist Du uns nicht. Ich bin nicht Dein leiblicher Vater, Sara nicht Deine leibliche Schwester. Wenn Ihr, Du und sie, erwachsen sein und einander lieb haben werdet, könnt Ihr Euch sogar hcirathen." Wieder hielt Brack einen Moment betroffen iimc, er hatte in begreiflicher Gedankenzerstreuung vergessen, daß er ja doch nur zu einem Kinde spreche, dieses aber rief erröthend, freudig: „Ich Hab' Dir's schon gesagt, ich lieb unser kleine Sara schon jetzt so, daß eiu Mensch einen andern gar nicht mehr lieb haben kann; und ich weiß^niir gar nichts Schöneres zu wünschen, als daß Sara und ich einst Mann und Frau würden! . . . . Mann und Frau!" fuhr Michael fort. „Nicht wahr? Das heißt, daß zwei Menschen, die einander so vom Herzen lieb haben, sich vereinigen, um Alles was ihnen im Leben zustößt, sei's Leid oder Freud zu theilen, keine Geheimnisse vor einander zu haben, einander zu unterstützen, nie von einanderzugehen bis sie der Tod trennt .... Mann 2Z Trauerwoche. und Weib, das sind zwei Menschen, die ein Herz und eine Seele sein wolle», wie mein erster Vater nnd meine erste Mittler, wie mein zweiter Barer und meine zweite Mutter .... nicht wahr? . . . . Nun, ich habe Sara schon sehr lieb und ich glaube, wenn sie groß geworden sein wird, wird auch sie mich lieb haben, glaubst Du nicht auch? srng Michael „und es tväre so wunderschön, wenn wir Mann nnd Frau würden und Du uns unter die Ehuppe3 4) führen würdest . . . Das Kind versank einen Moment in tiefe Träumereien. „Schade, ewig schade, daß meine Eltern und meine zweite Mutter nicht das Glück erlebt haben!" Unter andern Umständen hätte die Werbung des siebenjährigen Knaben um das Wiegenkind, dem verständigen Brack ein Lächeln entlockt; aber in seiner gegenwärtigen Stkmmuug, und im Zusammenhalten mit der Hoffnung, die seine angebetete, verewigte Gattin auf ihrem Todtenbette ausgesprochen, machten die Worte des Kindes einen tiefen Eindruck auf ihn. Zu seiner eigenen Ueberraschung kam ihm ein Ansspruch des Talmuds in den Sinn: Rabbi Jochanan spricht: Bon dem Tage an wo der Gottestempel zerstört wurde, wurde die Gabe der Prophetie den Propheten entzogen und den Kindern und Thoren verliehen*) und er sprach vollkommen ernst. „Auch ich glaube, daß meine kleine Sara Dich lieb haben wird; und wenn Ihr einst durch das heilige Band der Ehe verbunden .werden solltet, war' mir's recht, sehr recht und . . . ." fügte er nach kurzer Pause wie unwillkürlich hinzu, „auch meine liebe Frau hat vor ihrem Sterben diesen Wunsch ausgesprochen, und wenn ich auch nicht mehr leben sollte, so . . Die eigenthümliche Unterredung wurde durch Besucher, welche Brack zu coudoliren kamen, unterbrochen. * * * Brack hatte in verhältnißmäßkg kurzer Zeit viele Heimsuchungen erlitten. Er hatte eine treue 3) Den Trauhimmel. 4) Babe Bathra fol. 12 b. — Wir wollen nicht eine scheinbar widersinnige Talmudstelle ansühren, ohneeS;u versuchen, den richligen Sinn;u finden. Ter rikirte Ausspruch, vielleicht ursprünglich aus jener Zeit stammend, in welcher das unglaublichste und folgenschwerste Errigniß in der Geschichte des jüdischen Volkes eintrar, jener Zeit, in weicher der Gonesrempel in Jerusalem rrrftön wurde, mag wobl folgenden Sinn baden. Jetzt kann nicht mehr der Kluge, Verständige, der nach vernünftiger Voraussetzung Urrb,eilende und tsombinirende, die trreignisse der Zukunn ermessen und richtig erkennen: das vermögen jetzt nur nach Thoren und Binder, deren Unverstand, scheinbar Unmögliches für möglich hält.