Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 27 (1886)
- Issue
- Heft 62 (5.8.1886)
- Date
- 1886-08-05
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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sehltche Bestimmung umgehen zu wollen, Sie, wenn Sie straflos bleiben wollen, sich an mich lueubett und —: in irgend einer 31 rt# der Bürgermeister betonte diese Worte in nicht mißzuverstehendcr Weise — hinein Stillschweigen hiebei erlangen müssen. Ein anderes Mittel besitzen Sie nicht, das können Sie mir glauben. Euer Schicksal liegt in meiner Hand, ich kann Euch das Leben so sauer machen als es mir beliebt . . . ." Der Bürgermeister war, von seiner Habsucht getrieben, weiter gegangen als er ursprünglich beabsichtigt hatte. „Herr Bürgermeister," erwiderte Brack, „auch ich will Ihnen ganz offen sagen, was ich in dieser Angelegenheit und zwar sofort, in der nächsten Stunde zu thun beabsichtige. Wenn Sie nicht augenblicklich erklären, von der unnlenschlichen Verfolgung des unschuldigen Kindes abzustehen, werde ich mich, aus den eben von Ihnen angeführten Gründen nicht au das Kreisamt wenden, sondern da ich glücklicher Weise mit einem Reisepässe des hohen, mährischen Landesguberniums versehen bin, nach Wien fahren und da Ihre Majestät die Kaiserin krank ist, bei deren Stellvertreter und Mitregenten, dem römischen Kaiser Josef Audienz nehmen und ihm diese Angelegenheit alleruntcrthänigst unterbreiten. Herr Bügermeister, glauben Sie nicht auch, daß Kaiser Josef Ihre entsetzliche, barbarische Grausamkeit verdammen, zu Gunsten des unglücklichen Waisenkindes entscheiden und Ihnen allermindestens einen scharfen Verweis ertheilen wird?" Einen Augenblick zeigte Golzinger eine starke Neigung heftigen Zorn zu affektiren, auf Brack loszufahren; aber schon beim oberflächlichsten Bedenken mußte der schlaue Mann erkennen, daß er einer eisernen, energischen Natur, die mit ungewöhnlicher Klugheit und Ruhe eine unerschütterliche Festigkeit und den höchsten Grad von Zähigkeit verbinde, gegenüberstehe. Ein Zittern ohnmächtiger Wuth durchflog seinen Körper und er sprach zähneknirschend: „Ja .... Kaiser Josef! Auf den setzt Ihr Inden und die Bauern, setzen alle jene Menschenklasseu, welche mit grimmigem Neide auf die von der Vorsehung besser bedachten, höheren Stände blicken, ihre Hoffnungen, der ist Euer und der Leibeigenen Messias! .... Settdem er vor elf Jahren unser Land bereiste und am iS. August 1769 auf dem hier nahegelegenen Fürst Lichtenstein'schen Dorfe Posowitz, eigenhändig den Pflug geführt, und in einigen Ortschaften die Teputattonen der Judengemeiuden mit herablassender Huld angehört hatte, glauben die unteren Volksklaffeu, dieser Schwindelgeist lucrbe, zur Regierung gelangt, alle altehrwürdtgen Einrichtungen umstoßen, alle Schranken niederreisrcn, .... zum Glücke regiert noch die Kaiserin Maria Theresia und . . . „Sie irren sich," ertönte eine Stimme und als sich Brack umwandte, erblickte er den ehrwürdigen Pfarrer des Städtchens, Pater Willibald, der von den beiden Männern unbemerkt, die Thüre geöffnet und längere Zeit das lebhafte, laut geführte Gespräch angehört hatte.' „Wie meinen Sie das?" frug der Bürgermeister hastig, dem geistlichen Herrn einen Lehnsessel zum Tische schiebend und lud ihn durch eine Handbewegung ein, sich auf diesen zu setzen. „Ich hatte eben einen Gast; ein alter Jugendfreund und ehemaliger Studieflgenosse von mir, der hochwürdige Prior des Augustinerklosters in Brünn, der mir bei seiner Durchreise, während seine Wagenpferde gefüttert wurden, einen kurzen Besuch abstattete. Er theilte mir die Nachricht mit, daß gestern Nacht eine Depesche an den Gubernialprästdenten in Brünn gelangt sei, des Inhalts: Ihre apostolische Majestät, die Kaiserin Königin Maria Theresia sei am 29. November in einem Illter von 63 Jahren 6 Monaten und 12 Tagen aus diesem irdischen Leben in ein besseres abberufen worden. Man erwartet stündlich die Anzeige von dem Regierungsantritte des gegenwärtigen Mitregenten, des römischen Kaisers Josef. — Möge Gott der verstorbenen Monarchin den ewigen Frieden schenken, möge er den neueil, edlen Regenten segnen, zu seinem und dem Heile seines großen Staates, der Völker, die unter seinem Szepter stehen. Möge es Kaiser Josef gelingen, seine menschenbeglückenden Ideen in segensreichster Weise zur Ausführung zu bringen!" Bürgermeister Golzinger schien von dieser Nachricht nicht angenehm überrascht zu sein. „Hm," meinte er, „nach den letzten Zeitungsberichten glaubte man, daß sich die Krankheit der hohen Frau der Besserung zuwende." „Herr Bürgermeister," sprach der Pfarrer, „ich haöe, ohne dies zu beabsichtigen, eine Indiskretion begangen. Ich wollte Ihnen die wichtige Nachricht, die Sie gewiß interessirt, mittheilen; aber Sie waren in dem Gespräche mit dem neugewählten Herrn Vorsteher-der hiesigen Judengemeinde so vertieft, daß Sie weder mein Anklopfen hörten, noch mein Eintreten bemertten. Ich bin in solcher Weise ein freiwilliger Zuhörer der efcm gepflogenen Unterhandlungen geworden. Ich habe allerdings nicht das Recht in Ihre Amtsführung drein zu sprechen, aber, als Ihr Seelenhirte, als Geistlicher, als Christ,