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Der Israelit · 1886-08-05 · Heft 62 (5.8.1886) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
27 (1886)
Issue
Heft 62 (5.8.1886)
Date
1886-08-05
Page
– (sequence 3)
Language
German
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1071 ZeituttgSuachrichie« uiib Correfpondenzen. D e u t s ch l a n d. W. Berlin, 30. Jul!. Vom Polizeipräsidium in Frankfurt a. M. wird eine Warnung erlassen, dahingehend, daß man bei Bewerbungen nicht die Originalzeugnisse, sondern nur beglaubigte Abschriften aus Hände» geben soll. Der Anlaß dazu ist folgender: Am 15. April d. I. erschien auf dem Büreau der Annoncen-Expedition des Herrn Rudolph Masse zu Frankfurt a. M. ein Mann, der sich T. Mertens, Fabrikant aus Deutz am Rhein, nannte, eine Annonce für den „Israelit" aufgab und gleich bezahlte. Die Anzeige war in sehr verlockender Weise abgcfaßt und forderte isr. Lehrer, die sich um die angeblich vacante Stelle bewerben wollten, aus, ihre Originalzcugnisse an Rudolph Masse unter R. D. Nr. 1305 einzusenden. — Auf Wunsch des Auftraggebers sandte die Annoncen-Expedition die cingelaufencn Offerten an die von ihm angegebene Adresse nach Mannheim in den Pfälzerhof. — Bald stellte es sich heraus, daß der Auftraggeber ein Schwindler war, der mit den Zeugnissen, werweiß, welchen Mißbrauch zu treiben beabsichtigt. — Bis jetzt sind fechszehn Lehrer ermittelt, welche auf diese Weise um ihre Originalzeugnisse gekommen sind. Das Polizeipräsidium hat eine Recherche eingeleitet, dis jetzt leider ohne Erfolg. Mögen diese Zeilen dazu dienen, künftighin zur Vorsicht zu mahnen. Berlin, 2. August. Der „Frkf. Ztg." wird von hier geschrieben: „Der^Antisemittsmus ist seit Jahr und Dag in der Oeffentlichkeit recht still geworden. Die Zeit der großen Versammlungen, in denen die berüchtigten Brandreden gehalten, die Gegner hinausgcprügelt wurden und das „Juden raus!" im Chor ertönte, ist längst vorüber. Die Patrone, welche jene Bewegung inszenirten, sind fast alle aus dem öffentlichen Leben verschwunden, die meisten von ihnen haben bürgerlich Schiffbruch gelitten. Wer spricht heute noch von den Henrick, Förster, Ruppcl, Euno, Liebermann und Pickenbach2 Selbst die Blätter, die einst direkt und indirekt jene Crzesse protegirt haben, schämen sich längst ihrer ehemaligen Schützlinge. Seitdem vollends der Antisemitismus, und noch^ dazu in der Person des Hofprediger Stöcker, offiziös gerüttelt worden ist, führt er ein Stillleben, welches Viele zu der Meinung verleitet, daß er in den letzten Zügen liege. Tie „Kreuz-Ztg." bemüht sich feit einiger Zeit, den Gegenbeweis zu erbringen und ist zu diesem Behufe auf eia neues Mittel verfallen. Sie predigt im Tone düsterer Prophezeiung von einem fürchterlichen Bunde, den das Jndenthum mit der Sozialdemokratie geschlossen habe. Herr Stöcker hat früher das Gcgentheil versucht; er bemühte sich, den Arbeitern begreiflich zu machen, daß das „jüdische" Kapital, die „jüdische" Aussaugung der Feind sei. Das hat nicht verfangen, und daher sucht das leitende Blatt der Konservativen jetzt, die Sozialdemokratie und das Judenthum möglichst zu identisiziren und das letztere als die Nährmutter hinzustellen, die der sozialdemokratischen Bewegung von Anfang au einen erheblichen Theil ihrer geistigen und materiellen Kraft geliefert habe. Die Thatsache, daß einige Juden, darunter auch wohlhabende, sich zur Sozialdemokratie bekannt haben und noch bekennen, gilt dem konservativen Blatte als Beweis für seine Behauptung 'und es hat dabei gewiß nicht daran gedacht, daß man mit derselben Logik das Judcnthum als die geistige und materielle Nährmutter der konservativen Partei in Preußen bezeichnen könnte. Ilm den offiziös verleugneten Antisemitismus wieder etwas zu Ehren zu bringen, bringt das konservative Blatt das Kunststück fertig, ihn aus dem Haß gegen die Sozialdemokratie entstehen zu lassen,' und knüpft daran gar nickt ungeschickt die Beschwerde, daß diese antisozialdemokratische Bewegung nicht genügend gefördert worden sei. Die Leistung ist interessant genug, mit sie wörtlich mitzutheilen: „In unserem Volke hat diese Erkenntniß von dem bis ins innerste Mark hinein destruktiven Wesen des Judenthums und von seinem engen inneren und äußeren Zusammenhänge mit der Sozialdemokratie wesentlich mitgewirkt, um eine Kraft des Widerstandes und des Unmnths zusammen zu ballen, die als antisemitische Bewegung bekannt ist. Welche Behandlung aber hat diese Bewegung, diese energische Regung der Volksseele, die sich leicht von ihren Schlacken reinigen ließ, erfahren, und welche Forderung haben diejenigen gefunden, die, wie sie sicher anzunehmen berechtigt waren, ein pattiotisches Werk zu thun glaubten, wenn sie sich leitend und, wo erforderlich, mäßigend, in ihren Dienst stellten? Sie sind als inopportun und als Stein des Anstoßes für feinfühlige mittelparteiliche Gemüther oder auf dem Wege, der zu ihrer Gunst führt, bei Seite gestoßen, natürlich unter der betäubenden Janitscharen-Musik der gesammten triumphirenden Judenschaft innerhalb und außerhalb der Presse." Der Gedanke ist gar nicht übel, dem von oben herab als unbequem etwas in den Hintergrund gedrängten Antisemitismus die offizielle Protektion dadurch wieder zu verschaffen, daß man ihn als eine gegen die Sozialdemokratie gerichtete Bewegung

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