Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 27 (1886)
- Issue
- Heft 58 (22.7.1886)
- Date
- 1886-07-22
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2446951-2449600-2449655--24690-2514504- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
10U diesen erheben sich kleine Kuppeln, eine in diesen» i-Mnbc elgenthüniliche Bauart. Diese Kuppeln scheinen nicht blos zur Zierde, sondern lucflcii Mangel an Bauholz bestimmt zu sein, die sonst flachen Dächer zu unterstützen und zu befestigen. Tie Häuser in Jerusalem und im ganzen Morgenlande, weichen hinsichtlich der Anlage.und der Bauart sowohl als der inneren Einrichtung wesentlich non den mlsrigen ab. . - . Die großen Häuser der V 0 r n e h m e n sind in einem Vierecke erbaut, bestehen au« einem Vorderhause, zwei Seitenflügeln und einem Hinterhause, und umschließen einen großen viereckigen, aber-offenen Hof, Der Eingang zum Hause ist gewöhnlich in der Mitte des vorderen Hauptgebäudes angebracht und durch eine Thür verschlossen. Die Thürflügel hangen nicht in besonderen eisernen Angeln, sondern haben unten und oben einen vorstehenden Pflock oder Zapfen. Eiserne Schlösser sind bei den gewöhnlichen Hausthüren unbekannt, statt derselben bedient man sich hölzerner Riegel, welche man cmschiebt. Zum Oeffucn hat inan auch hölzerne Schlüße!, womit man den Riegel anfhebt oder zurückschicbt. Will Jemand in ein Haus treten, so muß er zuvor an der Thür klopfen' oder rufen und abwarten bis der Hausherr ihn abholt und einführt. Seme Schuhe hat er, insbesondere bei den Muhamcdanern, an der Thüre auszuziehen. Die Fenster gehen wie die Thüren alle nach dem Hofe in die Hallen, was den Straßen ein trauriges Aussehen gibt, und reichen bis auf den Fußboden, so daß man bei geöffneten Fenstern und Thüren im Hofe Alles sehen kann, was in den Zimmern vorgcht. _ Die D ächer der morgenläudischen Gebäude trifft man nicht zugespitzt, sondern ganz flach und platt, auch nicht mit Ziegeln, sondern mit einem weißen starken Estrich von Gyps, Kalk, Asche u. dgl. belegt, damit der Regen nicht durchdringt. Das Dach ist einer der vorzüglichsten Lieblingsaufcnthalte des Morgenländers. Hier schlürft er zur Abendzeit die kühlen und reinen Lüfte ein, genießt eine freie Aussicht und ist fern von Getümmel der Stadt. Hier verbrachte auch ich oft ganze Nächte und ergötzte mich an dem Anblicke des schönsten Himmels und beobachtete die seltene Pracht des Sonnenaufgangs über dem Tempelberg. Wenn ich so saß und der vergangenen Herrlichkeit der heiligen Stadl gedachte, traten mir die Thränen in die Augen und fand nur in den Psalmen Frieden, die ich stets bei mir führe. Aus dem Dache befindet sich noch ein besonderes Oberzimmer auch Oberhaus oder Söller genannt. Seitdem ich tu der heiligen Stadt weile, habe ich manchen Ausflug gen,acht, luanchen Spaziergang iiiitmionmicii und da ich überzeugt bin, daß das, was ich gesehen, Euch intercssiren wird, so bitte ich mich im Geiste zu begleiten und einen Gang durch die Stadt init mir zn machen. Auf der Nordseite des Zlou treffen wir das Eastcll der Stadt, auch die Burg Davids oder das Davids schloß gcuauut. Hier hat der größte Manu seiner Zeit rcsidirt, der Prophet, Dichter und König in einer Person war. Drückte doch der Allgütige demselben Manne, dem er die Worte der göttlichen Offenbarung in das Herz gab und von den Lippen rauschen ließ, eine Leier in die Hand, deren Saiten weithin, ja durch Jahrtausende hallen. Von Zion aus konnte der König Jerusalem beschauen, der Dichter ungestört des Flusses strömende Welle und das stille grünende Thal, Tercbinthcn und Oelbäume, betrachten, wie sie die Häupter der Hügel schmücken, der Prophet aber den Willen des Himmels von den Hohen der Burg belauschen und in ihren stillen Räumen die Geheimnisse der göttlichen Weisheit nachforschen. Stolz erhebt sich ans der Mitte der Burg der Davidst h urm und überschaut mißtrauisch nach allen Seiten die Stadt. Sein unterer Theil ist aus ungeheueren Werkstücken erbaut, die noch ganz unversehrt sind. Es sind dies ohne Zweifel Ucberreste des berühmten, von Herodes erbauten Thurmes Hippikus, welchen Titus bei der Schleifung Jerusalemes, nebst zwei andern Thürmen und der westlichen Stadtmauer sichen ließ. . Eines der Gemächer dieser Burg wird noch heute' als das Bethseba *) bezeichnet. Dicht neben der Zionsmauer, sieht man die Hütten der Aussätzigen, elende Lehmhütten, 12 an der Zahl mit ungefähc 40 Bewohnern. Ausgestoßen von der menschlichen Gesellschaft leben diese Unglücklichen hier in ihrem Elende zusammen, wie zur biblischen Zeit. Die Kinder derselben pflegen bis nach der Zeit ihrer ersten Jugend gesund zu sein; dann aber werden sie schonungslos von der gräßlichen Krankheit ergriffen, die Glied für Glied tödtet. Aerztliche Hülfe wird ihnen von keiner Seite gereicht. Sie sind fast die einzigen Bettler, welche den Fremden entgegcntrctcn. Meinen nächsten Brief sende ich von der heiligen Stadt aus je eher, da ich hier nur noch einige Wochen zu verweilen gedenke. In Liebe Euer dankbarer Sohn Ben Joseph. *) 2. B. S. 11, 2.