Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 27 (1886)
- Issue
- Heft 58 (22.7.1886)
- Date
- 1886-07-22
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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XXVII. Jahrgang. M 58 Ein Kentrat - Hrgan für das orthodoxe Zudenlhum. Heraüsgegcbcn von l>r. Lehmann in Mai».;. . Donnerstag, den 22. Juli 5646 (1886). Leitende Artikel. Aie Sprüche der Wäter. II. Buch, zweite Abtheilung XXIII. > Mainz, 19. Juli. Als Erstes, welches den Menschen aus der Welt dringt, bezeichnet Rabbi Josua jnn py, das döse Auge. Was er darunter versteht, darüber Und, wie wir bereits erwähnt haben, die Ansichten verschieden. Maimonides will darunter die Habsucht pvvn r.i*rnn verstanden wissen. Alle übrigen Eommentatoren jedoch erklären cs in dem Sinne von Neid, Mißgunst, Scheelsucht. Beide Anstchteu lagen sich durch Belegstellen aus der heiligen Schrift erweisen. In den Abot des Rabbi Nathan wird es folgendermaßen erklärt: Wie der Mensch sein eigenes Haus ausieht, so soll er auch das Haus seines Nächsten ansehen, und wie der Mensch nicht will, daß «um böse Gerüchte über seine Frau und seine Kinder verbreite, so soll er auch wollen, daß er nicht böse Gerüchte über die Frau und die Kinder des Nächsten verbreite; auch auf dem Gebiete des Wissens, soll der Mensch sich von Neid und Mißgunst sernhalten, und so wünschenswerth es 'auch Ist, daß der Wetteifer unter den Schülern angestachelt werde, so muß dieser doch von jeder Scheelsucht srcidleiben. So geschah es einst, daß ein begabter Schüler einen anderen noch, begabteren beneidete; in Folge denen wurde fein Leöen verkürzt, und er starb in jungen Jahren. Nach einer andern Ansicht ist jpn r? nicht jubjectiv, sondern objectio zu nehmen, und Rabbi Josua will davor warnen, daß man den Neid und die Mißgunst der Menschen herausforüere. In diesem Sinne ist auch eine Erzählung unsrer Weisen iTamid 32sl) zu deuten. Alexander, der Große, fragte die Alten des Südens: Was soll der Mensch thun, daß er lebe? Und sie sprachen: Er tödte sich selbst. Daraus fragte der König: Was soll der Mensch thun, daß er sterbe? Und sie sprachen: Er belebe sich selbst. — Dieses rärhselhafte Zwiegespräch erklärt uns Rasch! folgendermaßen: Er belebe sich selbst, das heißt: er suche sich zu erhöhen, und dadurch werden ihn die Menschen mit dem Auge der Mißgunst (njn r>) betrachten, ihn beneiden und ihm derart das Leben verbittern, daß sie sein Leben verkürzen; Demuth und Bescheidenheit aber verlängern das Leben. Auch diese Auffassung enthält eine große Wahrheit, die sich namentlich in der Geschichte unsres Volkes während der Verbannung nur zu oft bewährt hat. Wie viele Leiden sind über die Israeliten gekommen durch den Neid und die Mißgunst der Nationen, in deren Mitte sie leben! Nur zu häufig wurde dieser Neid von den Israeliten provocirt. Die Neigung, bei jeder Gelegenheit sich hcrvorzuthnn, die Augen der Mitmenschen auf sich zu ziehen durch Pracht und Prunk und durch andere aiilsallende Dinge, hat nur zu oft ihre Wirkung gethan, hat die Mitmenschen mit Neid und Mißgunst erfüllt. die dann in Haß und Verfolgung ausarteu. Auch die sogenannte Antisemitenbeweguug der jüngstvergangenen Jahre hat uns darüber belehren können: sie wurzelt namentlich in dem Neide, und diesen vielfach unnölhig erregt zu haben, war das Ver- ^'chttlden unserer Staulmesgenoffen. Ist es schon jedem Menschen heilige Pflicht, in Demuth und Bescheidenheit aus Erden zu wandeln, so verpflichten die cigenthümlichen Vcrhältniffe, in denen wir Juden , mrs befinden, uns zwiefach dazu. Der böse Trieb, lehren unsre Weisen in den Aboih des Rabbi Nathan, wird mit dem Mensche» geboren, während der Trieb zum Guten durch Belehrung und Unterricht allmählich geweckt werden