Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 27 (1886)
- Issue
- Heft 57 (19.7.1886)
- Date
- 1886-07-19
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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die Schwalben ihre Wanderung nach dem Süden anzutreten pflegen. 2« der folgenden eracht konnte Benjamin nicht schlafen; immer verfolgte ihn der Gedanke an jenen Traum. Da stand er auf, nahm ein Papierstreifchen und schrieb darauf in kleiner Schrift und in italienischer Sprache: „Ein Jüngling von zwanzig Jahren, jüdischer Religion, gesund und kräftig, kaufmännisch gebildet, aber unbemittelt, sehnt sich nach dem sonnigen Süden und möchte, wie die Schwalben, dorthin ziehen. Benjamin Pohl, Schuhmacherstraße 11, in Köln a. Rh., Deutschland." Nachdem er dieses geschrieben, rollte er das Papier zusammen, umwand es mit einem rorhen Schnürchen und begab sich in die Hausflur zu dem Schwalbennest. Es gelang ifjm auch, das schlafende Männchen zu erhaschen und die kleine Rolle au deffen Füßchen zu befestigen. Wenige Tage nachher traten die Schwalben ihre Wanderung nach dem Süden an. .Benjamin Pohl seme seine Bemühungen, eine Stelle, in welcher, er den Sabbat zu heiligen vermocht hätte, zu erlangen, unverdrossen fort;' allein alle Schritte, die er zu diesem Zwecke rhat, brachten ihm nur Enttäuschungen.. Er war der Verzweiflung nahe. Seine Bekannten redeten ihm zu, der Notlttvendigkeit zu weichen und der Zeitftrömnng nachzugeben. Er aber blieb unerschütterlich. „Ich vertraue auf Gott," sagte er. „Dem Allmächtigen stehen viele Mittel und Wege zu Gebote, mich zu erhalten und zu beglücken. Er wird mir helfen, wenn ich in seinen Wegen wandte." Während seiner unfreiwilligen Muße gab sich Benjamin nicht der Trägheit hin; er studirre eifrig in der heiligen Lehre und suchte auch in anderen Beziehungen seine Kenntnisse zu vermehren. Es war an einem Freitage, und Benjamin las, wie es vorgeschriebe« ist, die Sidrah zweimal in der Ursprache und einmal in der aramäischen Uebersetzung des Onkelos. Da trat ein Briefträger bei ihm ein und brachte ihm zu seiner Heberraschung einen eingeschriebenen Brief aus Smyrna^ Seine Ueberraschung stieg, als er den Brief ömiete und demselben eine Tausendfranknote entnahm. Der Brief war in italienischer Sprache geschrieben und lautete wie folgt: „Mein Herr! „Ihr einer Schwalbe anvcttrautcs Briefchen ist in die Hände einer schönen, jungen Dame. einer Glaubensgenofsin, gelangt, die sich lebhaft für Sie interessirt. Sie har mich veranlaßt. Ihnen eine Stelle in meinem Geschäfte anzubieten r auch sendet Sie Ihnen zur Bestreitung der Reisekosten die einliegenden 1000 Frs. Die junge Dame läßt Ihnen durch mich folgenden Vorschlag machen. Sie kommen hierher und treten in mein Geschäft ein. Dann werden die junge Dame und deren Bekannte Gelegenheit haben, . Sie zu beobachten. Sollten Sie den Wünschen der Dame entsprechen, so baden Sie Aussicht, deren Gane zu werden. Merke« Sie wohl: die Dame bleibt m ihres fm, während Sie durch Annahme der einliegenden Banknote gebunden sind. Sie dürfen dann ohne Erlaubuiß der Spenderin sich nicht verheirathen. Sollten Sie auf diese Bedingung eingehen, so bitte ich, mir das sofort mitzurbeilen und den Tag Ihrer Abreise zu bestimmen. Im andern Falle erwarte ich die Rücksendung der einliegenden Banknote. Genehmigen Sie, mein Herr, die Versicherung meiner Hochachtung. Smyrna, 15. Rov. üs.. Giacomo Napoli." Benjamin war Anfangs ganz starr von Erstaunen; dann brach er in einen Inbelrm aus und pries den allgütigen Gott, der ihm so wunderbar geholfen. Er trug nicht einen Augenblick Bedenken, auf die ihm gestellte Bedingung einzugehen. „Har sich mein Traum,"'sagte er, „bis jetzt in so wunderbarer Weise bewährt, so wird auch das.Kommende unter göttlichem Beistände zu meinem Glücke ausfchlagen!" Ente ungeheure Aufregung bemächtigte sich des Jünglings; es wurde ihm zu eng im Zimmer; troll des schlechten Wetters und des Novembersturmes mußte er hinaus in's Freie. Der kalte Wind beruhigte bald feine aufgeregten Sinne, und er kehrte nach Haufe zurück, um sich fabbarlich anzukleiden. In den ersten Tagen der kommenden Woche besorgte er seine Vorbereitungen zur Reife. Ta er bereits im Frühjahr sich der Militärbehörde gestellt und von dieser der zweiten Erfasreferve zugelheikr war, so stand seiner Abreise nichts im Wege. Seine Einkäufe waren bald gemacht, und nach wenigen Tagen verließ er die winterliche Heimath. Es war im Anfänge des Monats Dezember, als er in Smyrna einrraf.' Herr Navoli empfing ihn sehr gütig und übertrug ihm die Stelle eines Eorrefpondenrcn mit einem vorläufigen Gehalt von 1500 Frs. nebst völlig freier Station. Benjamin wagte es nicht, sich nach der jungen Dame zu erkundigen, und Herr Napoli sprach nicht von ihr. Der junge Manu fühlte sich sehr glücklich, eine auskönunliche Stelle und angenehme Beschäftigung erhalten zu haben; erwürbe von seinem Prinzipale auf das Freundlichste behandelt und in deffen Familie eingeführt. Herr Napoli hatte mehrere erwachsene Töchter, recht nette, liebenswürdige, gebildete Damen. und es lag daher die Vermntüung nahe, daß er für eine derselben den jungen Mann habe kommen lasten. Auch Benjamin konnte nicht anders denken und machte sich daher mit dem Gedanken vertraut, einst der Schwiegersohn seines Prinzipals zu werden. In Smyrna gibt es eine beträchtliche Anzahl ttalkeniscker Kaufleute jüdischer Religion, die gesellschaftlich fast nur miteinander verkehren. In diese» Kreis wurde der junge Deutsche eingeführt. und so kam er auch häufig in dasHaus des reichen Banquiers Salomoni. Tie einzige Tochter deffelden, Speranza, war ein liebreizendes, jungesMädchen von 17 Iahren. Auf sie schien der junge Deutsche einen ganz besondere» Eindruck zu macke», und, o Unglück. auchBeRiami» fühlte, daß sei» H«z dem holde» Mädchen esrgegea-