Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 27 (1886)
- Issue
- Heft 52 (1.7.1886)
- Date
- 1886-07-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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unzulänglich vor dem furchtbaren froste geschützt habe«'mochte, abgeuomulen und eine Decke r!oer sie gebreitet. Aron war nun ans Bett der kranken getreten. "Während er in tiefes Nachdenken versunken bestrebt war, das Zlvcckiiläßigste zu findet«, das jetzt für die kranke Frau 31s unternehmen fei, war Sara zu dem armen Kinde niedergekniet. Auch seine dürftige, unzulängliche Kleidung war zum Theil Dom Schnee durchnäßt uub zu»! Thcilc wieder hart angcfrorcn, doch konnte Sara« geübter Mutterblick erkennen, das; die arme Frau , die jetzt in ihrem Bette vor Schwäche in tiefem Schlummer versunken, von der es höchst zweifelhaft war, ob sie zum Leben erwachen würde, ihre Mutterpflicht, soweit ihre schwachen Kräfte reichten, zu ihrem eigenen Nachthcile bestens erfüllt hatte. Der kleine Knabe hatte fast gar kein Schuhwerk mehr. Seine Füge waren so zweckmäßig als es eben möglich war unter den Resten seiner Fußbekleidung in Tüchern gervickelt, eines derselben war ursprünglich ein seidenes Halstuch gewesen, und hatte sich die Mutter, die selbst keines nur den Nacken trug, desselben beraubt. „O! Du armer, lieber, kleiner Mensch;" rief Sara, während Thräneu über ihre Wangen rollten, von denen es — auch ihr selbst — nicht klar war, ob sie dem eigenen todten, oder dem bedauerlichen fremden Kinde, ob sie beiden galten. „Du mußt die zerrissenen Lumpen ablegen, ich werde Dir trockene, warme Kleider geben, auch von einen! Kinde, das fo brav, fo schön, so gut, so lieb wie Tu gewesen, von meinem Michael; ich kann sie gar nicht beger verwenden!" und während der kleine Knabe erstaunt aufblickie, ließ Sara ihren schönen Worten die gute That folgen, und der fremde Knabe, verwirrt, befangen, ließ all' die Gutthaten wie ein Träumender über sich ergehen. Dabei aber blickte er doch fortwährend ängstlich auf die Mutter, und schien sich die ueue Situation,, in die er gelangt war, klar machen zu wollen. Er schien intensiv nachzudenken und preßte — wie dies auch Erwachsene in gleichen Fällen zu.thun Pflegen, — seine feinen Pu^inrlippen fest übereinander. Nachdem ihn Sara mit den Kleidern ihres todten Lieblings versehen hatte, wollte sie ihm eine Schale warme Suppe geben, aber kluge Kind rief mit vor Aufregung zitternder' Stimme: „Madame, Sie sind sehr gütig gegen mich; aber ich bitte Sie, sich meiner armen Mutter anzunehmcn. Auch sw hat feit gestern Mittag keinen Bitzen im Munde gehakt nnd-wir gehen schon nenn Tage lang zu Fuß, und fr lange die Mutter nicht gar so schwach war, mußte ich mich von ihr tragen Tatzen; .... und seitdem mein lieber Vater rodt ist, hat sie so viel geweint und Leid und Roth gehabt. In den letzten Tagen hat sie doch noch iin> mer gehofft, daß wir die Vaterstadt erreichen, aber die liegt gar so weit .... zu weit! .... Die Mutter ist tapfer darauf los geschritten; — aber heute ist sie plötzlich unwohl wordkti und das Geld ist uns ansgegangcn, wir haben uns nichts mehr zu essen kaufen können. Heute früh sagte die Mutter" — das.Kind, das bisher seine Bewegung mit unglaublicher Energie bekämpft hatte, mußte jetzt doch in Schluchzen ausbrechen, „sie fürchte, sie könnte auch wie mein guter Baker, plötzlich sterben, und wolle nur trachten in eine jüdische Gemeinde zu konnneu, damit ich nicht gar so verlassen lvüre, aber als ich zu schluchzen begann, sagte sie, sie habe das nur im Scherze gesagt, sie würde noch nicht sterben, sie würde noch so lange leben, bis wir nach Metz kämen, wo sich vielleicht doch Jemand unserer erbarmen würde; — und noch viel länger; aber eine halbe Stunde von hier wurde die Mutter noch schwächer und sagte: „Wenn ich nur die nächste Judengemeinde erreiche, so will ich es als ein Zeichen Gottes bettachten, daß er mich nicht ganz verstoßen hat, und sich meines armen Kindes erbarmen wird," — aber sie konnte sich vor Hunger und Schwäche kaum sortbewegen, und mußte sich ans mich stützen . . . ." „Aus einen fünf, sechsjährigen Knaben stützen!" unterbrach ihn Sara unwillkürlich. „Und Gott hat uns doch geholfen, und als wir hier anlangten und die Mutter die Erutvschnur') erblickte, war sie glücklich und rief: „Gott sei Dank! jetzt sind wir bei Glaubensgenossen," — aber gleich darauf fiel sie um, und ich klopfte aus Fenster und rief um Hilfe; „aber lieber Herr!" wandte sich der Knabe schüchtern an Brack und faltete annmthig die Hände, „könnten Sie nicht nach einem Arzte schicken? Die Mutter schläft jetzt, aber ich fürchte, sie ist krank, sehr krank: — mein Vater hat auch geschlafen und war doch schwer krank und ist gestorben." Aron und Sara Brack hatten die außerordentlich klugen Worte des Kindes mit Staunen und lebhaftem Interesse angehört. Mit dem Wunsche, den der Knabe ausgesprochen, hatte sich Brack eben in feinen Gedanken beschäftigt und er sprach: „Ich hätte gewiß schon einen Arzt geholt, aber wir haben jetzt hier keinen. Der alte ist vor Kurzen! gestorben, und ein anderer ist bis heute noch nicht hicrhergczogen.. Der nächste Arzt wohnt 1) Sabbanchnur.!5i:ie Abgrenzung des Raumes.- innerhalb dessen von Jedem am Sabbat etwas getragen werden darf.