Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1886-06-24 · Heft 50 (24.6.1886) · page 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
27 (1886)
Issue
Heft 50 (24.6.1886)
Date
1886-06-24
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/2446951-2449600-2449647--24507-2514313
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

erben waren seine Söhne, und dabei denke man an den damaligen Gcldwerrh! Als Wilhelm HI. sich anschickte, den feigen Stuart, seinen Schwiegervater, vom Throne zu stoßen, gab ihm-der jüdische Baron Snayo 1 */* Million Gulden mit der Bemerkung, daß er die Summe wohl zurückcrstattcn werde, wenn dic llmernchmung gelinge, im entgegengesetzten Falte habe er Sr. Hoheit ein Geschenk gemacht! Bei der historischen Ausstellung der Stadt Amsterdam im Sommer 1876 prangten die silbernen und goldenen Tcmpelschäye der portugiesischen Synagoge unter einem besonderen Glaskasten, und der Anblick, der sich, hier bot, wird dem Gedächtnipe nicht sobald entschwinden. _ Aber nicht nur Rcichthum, sondern auch hohe wipenschastlichc Bildung hatten diese Juden aus Spanien, mitgcbracht; der. Leibarzt von Moritz von Oranicn war ein Portugiese, und wenn es auf den großen Feldherrn allein angekommcu wäre, dann wäre derselbe Professor in Leiden geworden. Auch der bescheidene Brillcnschlcifer in Amsterdam, Baruch Spinoza, war ein portugiesischer Jude. Man begreift dcßhalb leicht, daß diese reichen und hochgebildeten Juden. von einer näheren Gemeinschaft mit ihren armen und unwissenden deut-. scheu Glaubensgenossen nichts wissen wollten, eine Hcirath zwischen einem Sefardi, so hießen die Portugiesen, und einer Tochter der Aschkenasim wurde von erstere» für einen derartigen Familien schimpf gehalten, daß die Verwandten de» Sefardi eine ganze Woche Trauer anlcgtcn. Als in der Mitte des 17. Jahrhunderts eine Anzahl Juden ans Brasilien .flohen und sich in Surinam niederließen, war eine der ersten Bestimmungen ihrer Synagogcnordnung, daß keiner unter ihnen eine deutsche Jüdin zur Frau nehmen dürfe. Und dieser Standcsnnterschicd ist bis vor vielleicht einem Menschenaltcr nicht nur in Amsterdam, sondern überhaupt iu der jüdischen Welt mit starrer Unerschüttcrlichkeit festgehalten worden; einer der Ersten, der sich über das Vornrtheil hinwcgsetze, war Sir Moses Montcfiore, der selbst mit einer deutschen Jüdin, (5oben, vcrheirathet gewesen war; in seinem Testamente hatte er ein Capital ausgeworfen, dessen Zinsen zur Unterstützung armer portugiesischer und deutscher Juden bestimmt waren, war aber der nothlcidcnde deutsche Jude mit einer Portugiesin verheirathet, daun sollte die Unterstützung doppelt so groß sein. Noch heute ist der Standcsnntcrschicd nicht vollständig verwischt: der einen deutschen 9!amen tragende Jude, der sich verlobt hat, wird nicht unterlassen, bei der Mittheilung mit einem gewissen Stolz und Selbstgefühl darauf hinznwcisen, daß seine zukünftige Frau „portugiesisch" sei, gerade so, wie früher der Bürgerliche sich etwas beper dünkte, wenn ihm eine .Ädeliche die Hand reichte; bei Gelegenheit des lebten Bersöhunagstagrs erzählte ein jüdisches Wochenblatt in Amsterdam mit kaum verhaltenem Ingrimm , „daß eine alt-spanische ädeliche Clique von Damen, um unter sich zu sein und nicht neben Nichtadeligen sitzen zu müssen, in der Frauenabtheilung der portugiesischen Synagoge alle Sitzplätze für sich gcmicrhet habe!" Freilich Namen, wie Colagao Ozorio, da Cunha, Mesqnita, Coelho, Fexeira de Mat tos. da Costa. Xabarra, Chumaceiro, wenn sie auch eine ganz alltägliche Bedeutung habe», klingen vornehmer, als das gewöhnliche Cohen, Seligmanu, Levi, Adler, Jakobsohn, Stockfisch, Löw, Lretellapper u. s. w. Eine der cigcnthümlichstcn Erscheinungen Amsterdams, wie sic keine andere Stadt der Welt aufzuwcisen bat, ist die fast ausschließlich in Händen von Juden befindliche Diamantinduftrie. Napoleon IU. hatte den Versuch gemacht, Paris zum Hauptsitz denelbcn zu machen, aber die mit seiner Hülfe errichteten Fabriken mußten ihre Thätigkeit bald cinsicllcn: neben Amsterdam kommt nur Antwerpen in Betracht, aber auch dieses spielt in genanntem Fach eine untergeordnete Nolle. Seit der KrisiZ in Südafrika und der Ucberführung des Marktes mit den dort gefundenen Diamanten hat die Industrie und selbstverständlich auch der Handel erhebliche Rückschritte gemacht. Während heute der durchschnittliche Arbeitslohn kaum 20 fl. in der Woche beträgt, verdienten vor etwa 12 Jahren einfache Schleifer und Steinschneider 5—600 fl. wöchentlich, die Diamantenspalter (kloovers) brachten cs bis ans 900 fl.! Damals floß der Champagner in Strömen und diese Arbeiterklasse lieferte die leidenschaftlichsten Sportsmen, und das herrische und anmaßende Auftreten mancher dieser Glückspilze, erregte nicht nur bei Christen, sondern auch bei ihren gebildeten Glaubensgenossen Anstoß. Aber auf die fetten Jahre folgten magere, und mancher, der damals den vornehmen Herrn spielte, ist heute glücklich, wenn er das tägliche Brod für sich und die Seinen erwirbt. Zu welcher Höhe sich diese Industrie emporgeschwungen hat, konnte * man während der Ausstellung im Jahre 1882 sehen; das Gebäude, in welchem die kunstreich geschnittenen Steine ausgestellt waren, übte ans fremde Besucher fast die größte Anziehungskraft aus. In dem großen jüdischen „Casino" an der Ainstcl sowie noch in andern Lokalen finden täglich Diamantenbörsen statt und cs ist für den Vorübergehenden ein eigcnthümlichcr Anblick, wie die kleinen Tische vor den Fenstern dicht wit Menschen besetzt sind, von

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.