Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 27 (1886)
- Issue
- Heft 50 (24.6.1886)
- Date
- 1886-06-24
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXVII. Jahrgang. Zeitungsnachrichten nnb Sorresposdenzen. | bclpaare die von Allerhöchftdenselben gestiftete silberne Jnbllänms-MedaÄe. Des Tags über abge- Deutschland. gebeue Böllersalven, sowie Illumination und bengalische Beleuchtung, des Abends gaben der Festlichkeit einen besonders schönen Anstrich. rr'22 irx. Berlin, 18. Juni. Am 25. Inni tritt der deutsche Zleichstag zusamnren. Es ist zweifelhaft, ob in^dieser Session noch die famose Petition der Thicrsrcunde zur Bcrathung im Plenum gelangen wird, doch keineswegsist cs unmöglich. Auf jeden Fall bleibt der einstimmig gefasste Kommissionsbeschluß, die Petition dem Reichskanzler zur Erwägung zu überweisen, nach wie vor bestehen, und wiederholen daher die in diesem Blatte bereits ausgesprochene Bitte, daß alle jüdischen Gemeinden Deutschlands aller schnellstens mit Gegcnpetitionen sich an den Reichstag wenden mögen. Der „Israelit" hat seinen Lesern schon vor zwei Wochen dci^ Wortlaut einer Petition vorgeschlagen, deren Fällung vollkommen genügt; eine zweite, ausführlichere Petition, deren Inhalt sich aber mit der crstcren vollständig deckt, hat Herr Rabbiner Dr. Hildesheimer ausgearbciret und der Oesseutlichkeit übergeben, eine dritte gedenkt, wie wir soeben im „Jüd. Cantor" lesen, der Gcmcindcvorstand von Bronibcrg für die Gemeinden der Provinz Posen zu verfallen; nachdem die beiden ersten Petitionen bereits gedruckt Vorlagen, ist der Ausschuß des „Rabbiuerverbandes" vorgestern hier zu einer Berathung von Maßregeln gegen die Thicrschuypetition zusammengetrcten, und hat der Vorstand der hies. jüdischen Gemeinde am Mittwoch Abend in gchcinier Sitzung beschlollen, eine Petition dem Reichstage zu übergeben. Wir können den jüdischen Gemeinden nur rathcn, ungesäumt eine Petition an den Reichstag abzusenden, wenn der Ansturm der Thierfreunde gründlich abgeschlagen werden soll. Tie Berhältnille sind überaus ernst, doch hoffen wir, daß die Sache der Wahrheit den Sieg erringen wird. 'Van der Mosel, 16. Juni. Gestern feierten die Eheleute Jacob Marx und Helena Schönmann aus Rachtig das Fest der goldenen Hochzeit. Die Feier in der festlich geschmückten Synagoge wurde von dem Lehrer Herrn Eisenkräuter aus Birkenfeld, einen Neffen des Jubilars, abgchaltcn. Nach einer gediegenen Festrede, welche allgemein Beifall gefunden, verlas derselbe ein Glückwunschschreiben der Allerhöchsten Herrschaften und überreichte deln Ju- Caffel, 14. Juni. In den letzten Tagen fand hier der sogenannte Teursche Antisemiren- Kongreß statt- Was der Stadt Kassel die zweifelhafte Ehre gebracht hat, die Herren Antisemiten i» ihren Mauern zu sehen, das ist uns unerfindlich. Wenn die Führer glaubten, in Eassel eine Hochburg für ihre Bestrebungen zu besitzen, so dürften sie eine bittere Enttäuschung erfahren haben. Unsere Bevölkerung ist fast in allen ihren Schichten frei von antisemitischen Anschauungen, im Großen und Ganzen ist der Kasselaner viel zu ruhig, um an dem turbulenten Treiben der Antisemiten sonderliches Gefallen zu finden. So verlies denn auch der Kongreß ohne erhebliche Theilnahme der Bevölkerung und die Herren Antisemiten konnten vollständig unter sich sein. Der Kongreß trug das Stigma der rückläufigen Bewegung. Mit welchem Spektakel war vor drei Jahren der Dresdener Kongreß in Szene gegangen. Da waren die Ungarn erschienen, Stöcker gab den Priestersegen und das Bild der unglücklichen Esther Solymopi mußte der Komödie als Staffage dienen. — Hier verlief Alles still, die Koryphäen zweiten Ranges, Dr. Böckcl (Marburg), Dr. König (Witten), Liebermann v. Sonnenberg u. s. w. glänzten an der Spitze eines Häufleins von etwa 20 Getreuen. Der ganze Kongreß zeigte, daß der Antisemitismus verkracht ist, wie seine Presse durchgefallen ist, daß die Konservativen, namentlich die Snbaltcrnbcamtcn, welche vordem ein großes Kontigcnt zu den Antiscmitcnvcrsammlungen gestellt hatten, dem Kongreß fern geblieben sind. Herr Dr. Lotz, der hiesige Reichstagsabgeordnete, für den sich die A-.tlscmitcn seiner Zeit begeisterten, reiste, wie wir vernehmen, sogar von hier fort. Die Ratten Verlagen eben das sinkende Schiff. Die äußere Veranlassung, daß die Konservativen sich von der Gemeinschaft mit den Antisemiten zurückziehcn, mag wohl sein, daßletztere, unter Führung des Dr. Böckcl (Eapistrano), eines jugendlichen Heißsporns, entschieden sozialistische Neigungen an den Tag legen; das jüdische Kapital ist für Dr. Böckcl das zu bekämpfende Objekt. Das „Kasseler Jour.", das Organ der Konservativen, machte jüngst