Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 27 (1886)
- Issue
- Heft 49 (21.6.1886)
- Date
- 1886-06-21
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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843 Nächstes zu cnsLhen. Niemand fern sich ganz mib voll in die Sriuminng eines Zweiten versetzen. Mau kann leicht eben so durch ein ungeschicktes, wenn auch gm gemeintes Trostwort, als durch versuchtes Adtcnkcn von trüben, bitrcrn Gedanken, absichtslos ein wundes Herz verletzen. — Es herrschte daher ziemlich lange ein verlegenes Schweigen: endlich brach Reb Aron Brack dasselbe und sprach: „Meine liebe Nachbarn, ich weiß wirklich nicht, wie ich und meine liebe Frau, Euch für alle die Towos1), die Ihr uns während der Krankheit und nach dem Tode unserem lieben Knaben, unseres kleinen Michael erwiesen, nnscrc Erkenntlichkeit bezeigen rönne». Ich wünsche, das; sich uns angcnelnnc und freudige Veranlagungen bieten mögen. Euch nufere Dankbarkeit zu beweisen." Allein, da Sara bei diesen Worten wieder in heftiges Schluchzen ansbrach, gcrieth auch Reb Arons Stimme in ein höchst bedenkliches Schwanken, und er mußte muehalteu, so-daß eine Pause einrrat. Unter den Besuchern befand sich auch Reb Maier Tnchhändlcr, ein alter und im Talmud wohl bewanderter Mann, und er sprach endlich: „Rabbi Simon der Sohn Elasars sagt: Versuch' cs nicht, Deinen Gefährten im Momente seines Zornes zu besänftigen; — ihn zu trösten, wenn sein Todter vor ihm liegt.-)".... Mcnschenwort ist wie Mcuschenmacht beschränkt. Gott allein vermag es, jede Wunde zn heilen. Trmn sag' ich Euch, Reb Aron und Eurer Frau, den vorgeschricbencn guten Spruch: Hamokom jcnachem cßchem bßoch schar awe le ziou wejcrnscholajim 3) und bei diesen Worten erhob sich Reb Maier; alle andere Besucher wiederholten diese Trostformel und folgten ihm. Die beiden Gatten blieben allein. „Mein Kind, mein armes, liebes, todtcsKind, mein kleiner, süßer Michael!" schrie Sara nun von Neuem in wildem Schmerze ans. „Ich kanns nicht fassen, nicht ertragen, ich soll Dich nicht mehr sehen, nicht Deinen kleinen, rothcn, freundlich lächelnden Mund küssen, nicht in Deine großen, schönen Angen blicken, Dich nicht an mein Mutterherz pressen.... ach! wie kann ich weiter leben ohne Dich?!.... Du allgercchter, allbarmherzigcr Gott, was Hab ich gar so Böses verübt, daß Du mich so furchtbar hart gestraft Vl.... Mein Kind, mein Michael bildete das Glück meines Lebens „Sara", sprach Aron, und schon der Klang seiner schönen, sonoren Summe, welche vor Bewegung zitterte, schien beruhigend ans die niederge- 2) Lpiüche drr Baier «>ap. 4. Mischna X) ü5ou tröste <;nd) »nur dr» nnbuu Uam'tnbfH ». s. s. schmetterte Frau zu wirken, „Du bist ja mein kluges, frommes, würdiges Weid; Du bist ja die Tochter eines klngcn, frommen, würdigen Vaters; warum läßt Tu Dich von Deinem gerechten Schmerze so weit binrcißen? Haft Tu nichts als unser Kind in Deinen Armen gestorben, mir die vorgeschriebcne Forme! nachgcsprochen: Boruch vajon hoeumes^)? .... Was Gon lhut, ist recht, muß recht sein — auch wenus uns schmerzt l.... Sich' mein Kind, ich betrachte die Sachen mit andern Augen", und Reb Aron vermochte cs trotz heftiger Gegenwehr nicht verhindern, daß die Thräueu, die in seine Augen-traten, über seine Wagen herabftießend in den schwarzen Vollbart fielen. „Wir wollen nicht undankbar gegen hakodusch boruch hu"') sein. Er har uns viel Leid erdulden lallen, aber er.hat uns. ja doch auch schon viele Ehaßodim«) erwiesen.... Sieh'mein liebes Herz, ich-kam als armer, ganz verwaister Knabe in das Haus Deines reichen, frommen, würdigen Vaters. Ich war ganz vcrlallen, ich besaß nur einen einzigen Verwandten, der aber selbst der hilfloseste Mensch auf Gottes Erdboden war. Ich besaß nur einen um zwei Jahre älteren Bruder, aber der Arme war. stumm und blödsinnig, Die Gemeinde halte ihn für ein geringes Entgelt bei einem armen Jischuwmann^) untergebracht. Dein Vater hatte sich meiner erbarmt, er hatte keinen Sohn, Tu warft sein einzig Kind', und er erzog mich und ließ mich unterrichten, als wäre ich sein eigen Fleisch und Blut. Mir schleus, als liebe er mich in der That wie ein Vater. Freilich später mußte ich mit tiefem Schmerze erkennen, daß ich mich über die Art seiner Neigung doch getäuscht. .... Ich war zum jungen Mann herangercist, Du um fünf Jahre jünger als ich, warst 'zur holden Jungfrau aufgeblüht. Ich hatte Dich geliebt von dem Momente an, wo ich', ein neunjähriger Knabe, in Deines Vaters Haus trat und Du, das kleine, vierjährige anmuthige Mädchen, mich, der furchtsam an der Thierschwelle stehen geblieben, zutraulich an der Hand faßtest, in das Zimmer zogst und mir das Büttcrbrod gabst, das Du in Deinen winzigen Händchen hieltest; und ich werde Dich lieben, solange ich lebe. — Du hattest mir nie gesagt, das; Du mich wieder liebest, wir sprachen nie miteinander von unserer Liebe; aber wir setzten es ' als etwas Selbstverständliches voraus; daß wir 4) 0*clicncbfit sei der gerechte Richter. — (sine Beuedikliou. die bei dem Ableben eines Menschen verrichtet wird. .'>) gelobt sei tfr. ») Gnaden, Hnlden. 7) tzin Jude, der allein unter der christlichen Bevölkerung eiueS Torses wohnt. ^.rya%'V -gfgr.