Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 27 (1886)
- Issue
- Heft 66 (19.8.1886)
- Date
- 1886-08-19
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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XXVII. »lljrflaiifl. j\n GG. Gill Aentrat - Hrgan für das orthodoxe Iudenthmn. Hcrausgcgeben von Nr. vchrua»» in Mainz. Donnerstag, den AS. Angrrft 5646 (1886). Leitender Artikel. Die Sprüche der Wter. H. Buch, zweite Abtheilttug. XXXI. Mainz, 16. August. Tcss? ’isa vsr. vin bw. „Und fei nicht ein Bösewicht vor Dir selbst." Ueber diesen Ausspruch des weisen Nabbon Schimeon ben Reßanel gehen die Ansichten der Erklärer weit auseinander; sie alle knüpfen daran große, erhabene Gedanken, die daizulegen wir uns im Nachfolgenden bemühen wollen. Der Fürst der Erklärer, Nafchi, deutet die Worte des Weisen folgendermaßen: Thue nie etwas, worüber du später vor dir selbst erröthen müßtest; bewahre dir vor allen Dingen die Selbstachtung. So hat einst ein weiser Mann zu seinem Sohne gesprochen: Wenn du vor andern Menschen dich mehr schämst als vor deiner eigenen Seele, so beweisest du dadurch, daß du die eigene Seele geringschätzest. — In ähnlicher Weise lautet die Erklärung des Rabbi Salomo ben Jizchak ben Lewi, des Verfapers des Werkes n-zx zb. „Meide das Böse nicht um der Menschen willen; auch wenn du Zur., allem bist und glauben darfst, daß die böse?hat, die du zn thnn im Begriff stehst, nie zur .^unde anderer Menschen gelangen wird, so schäme dich vor dir selbst, .Unrecht zu thnn, und belaste?ein Gemmen nicht mit Dingen, die du vor dir selbst nicht verantworten kannst, Gewiß, die Selbstachtung ist das höchste und theucrste Gut des edlen, frommenjmb gorresfürchtigen Menschen. Die meisten Menschen sind nur zu geneigt, die eigenen Fehler, Kunden und Laster zu entschuldigen mW zu rechtfertigen. Tu aber sei dir selbst ein strenger Richter; In der Zeit, da die Leidenschaft dich zu überwältigen droht, da der Zorn dich fortreißt, da die Gefühle der Rache oder des Hasses dich beherrschen, da frage dich, ob du später bei ruhigem, kaltem Blute die That, die du jetzt begehen willst, nicht bereuen mußt. Dann wird es dir gelingen, die Leidenschaft zu beherrschen und zu verhüten, daß du die Achtung vor dir selbst verlierst. Diese Erklärung hat den Vorzug, daß sie.nicht allein dem Wortlaute des Ausspruches entspricht, sondern daß sic auch mit dem, was uns vorher von Rabbon Schimeon erzählt wurde, übereinstimmt. Ihn nannte sein Lehrer einen xxri nt, einen Solchen, der die Sünde fürchtet, und, wer stets bemüht ist, die Selbstachtung sich zu bewahren, der wird die Sünde fürchten. Rabbi Schimeon bezeichnete als den rechten Weg, dem der Mensch anhasten soll, daß nian bei Allem, was man ihut, die Folgen bedenke. Auch diesem Grundsätze ist der in Rede stehende Ausspruch analog, und da wir oben nachgewiesen haben, das dasjenige, was Rabbi Schimeon als den bösen Weg bezeichnet hat, nur die Eonscgnenz dessen ist. was er als guten Weg empfohlen, so stimmt auch dieser Ausspruch darnit überein. Bei dem, welcher borgt, in der Absicht nicht zu bezahlen, kann von .Selbstachtung nicht die Rede sein. — Wir könnten uns demnach mit der Erklärung Raschi's begnügen, wenn nicht entgegenstände, daß nach ihr der dritte Thcil des Lehrsatzes mit den beiden ersten nicht im Zusammenhänge steht. Ganz verschieden von ^der Auffassung Raschi's ist die des Maimonidcs. <co Jemand, sagt dieser große Lehrer Israels, sich selbst für einen B'ösewichl hält, so wird er vor keiner Sünde zurückschrecken und Verbrechen auf Verbrechen hänfen. Daher warnt der Weise und spricht: Halte dich nicht selbst für einen Bösewicht, für ganz und gar