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Der Israelit · 1886-08-16 · Heft 65 (16.8.1886) · page 1

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Journal
Der Israelit
Volume
27 (1886)
Issue
Heft 65 (16.8.1886)
Date
1886-08-16
Page
– (sequence 1)
Language
German
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XXVII. Jahraaiig. .A'1? EI» HenLrak - Hrgan für das orthodoxe ZudenLhum. HcrauZgcgcüen von S-r. Lehmann in Mainz. Montag, den 1«. Augnst ST4S (1886). Leitende Artikel. Die Sprüche der Väter. II. Buch, $\vc\tc Abtheilung. XXX. Mainz, 12. August. „Sei sorgsam in Bezug auf Kriath Schema und Thephilla." Diese Hauptftücke unsrer Gebetordnung sind gleichsam das tägliche Brod für die Nahrung unsrer Seele. Sei sorgsam in Bezug auf sie und versäume nicht die Zeit, die für sie besrimmt ist worden. Die meisten Menschen schlafen gern bis lang in den Tag hinein, und der Ausreden dafür gibt es stets genug. Im Sommer sind die Nächte zu kurz, als daß mau sich frühe genug vom Lager erheben könnte, und im Winter ist es zu kalt; da möchte man warten, bis die ausgehende Sonne mehr Wärme gebracht oder bis die Tiencrschast das Feuer im Öfen entzündet hat, und so hat Salomo gesagt in seiner Weisheit: Bis wann, o Träger, wirst du liegen bleiben, wann wirst du aufftchcn von deinem Schlafe? Nicht heißt es: Wann wirst du erwachen? sondern: Bis wann willst du liegen bleiben? Biele Menschen bleiben, auch wenn sie längst erwacht sind, im warmen, weichen Bette und versäumen die Zeit des Gebetes. Auch für die andern Gebetzeiten gilt dieselbe Mahnung. Das Minchahgebet fällt mitten in die Tagesarbeit und wird dcßhalb nur zu häufig versäumt. Biele sitzen bei Tische^— namentlich in großen Städten — und vergeben die Zeit des Gebetes; andere sitzen im Wirrhshause und verbringe:! die Zeit mit Trinken, Spielen oder nnnünen Lieden. — Aehnlich verhält es sich mit dein Abcndgcbcre. Hungrig, durstig und müde, kömmt der Mensch von der Tagesarbeit. Da denkt er: Ich will erst ein wenig essen, ein wenig trinken, ein wenig schlafen und dann beten; aber der Schlaf überwältigt ihn, und er versäumt die Zeit des Betens. Dcßhalb warnt uns Rabbi Schimeon und spricht: Sei sorgsam in Bezug auf Kriath Schema und Thephilla! Nachdem der Weise die größte Sorgfalt in . Bezug auf Kriath Schema und Thephilla uns ans Herz gelegt hat, hebt er einen Umstand hervor, der bei der Thephilla im Gegensätze zum Kriath Schema besondere Beachtung verdient. Er sagt: Und wenn du betest, so betrachte beim Gebet nicht als eine bestimmte, dir obliegende Arbeit) sondern als ein Flehen um Erbarmen und Gnade vor dem Allgegenwärtigen, gelobt sei Er, wie cs heißt: Denn ein gnädiger und barmherziger Gott ist Er, langmüthig und groß an Liebe, der das schon beschlossene Schlimme rückgängig macht. Das Schema zu lesen ist ein Gottesgebot, welches wir als etwas Bestimmtes, uns Obliegendes betrachten müssen: die vorgeschriebene Thephilla hingegen ist eine rabbinische Anordnung, die wir zwar befolgen müssen, deren Natur jedoch und eigentliche Bedeutung wir nicht verkennen dürfen. Es ist hier am Orte, den Begriff des Gebetes zu erklären und darzulcgen. So einfach er erscheint, soist doch dieser Begriff ein ungemein schwer zu erfassender. Tief tut menschlichen Herzen ist das Bedürfniß eingewurzelt, sich zum allmächtigen Gotte zu erheben und Ihm seine Wünsche und Bitten vorzmragen. Wie alle unsre Verhältnisse zur Gottheit, so berühr auch das Gebet ans einer Bermenschlichnng der Borsrellnngen von der Gottheit. Wie wir von einem Anne Gottes, einer Hand Gottes, einem Finger Gottes reden, wiewohl wir wissen, daß Gott kein Körper ist, so ergeh: es auch mit allen unsren Vorstellungen von der Gottheit; sie

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