Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1886-06-17 · Heft 47-48 (17.6.1886) · page 20

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
27 (1886)
Issue
Heft 47-48 (17.6.1886)
Date
1886-06-17
Page
– (sequence 20)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2446951-2449600-2449645--24468-2514221
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

anziehende historische Beschreibung der Schicksale der Juden in Surinam. So bekannt waren derartigc Bestrebungen in der Republik geworden, daß der Bürger Hahn, derselbe, der auf die alsbaldige Einführung der Guillotine gedrungen batte, in der „Nationalversammlung" am I. August 1796 von Moses Mendelssohn als dem „deutschen Plato" sprach. Indessen war die französische Revolution auf ihrem Rundgange durch Europa auch in die Niederlande gekommen, in Frankreich waren die Juden schon 1789 den andern Staatsbürgern gleichgestellt worden und, wie man sich denken kann, begrüßten sie auch hierzulande die französische Umwälzung mir Freuden und hochgehcndcn Erwartungen. Als der Frcihcitsbaum 1795 ausgepflanzt wurde, säumte man jüdischcrseits nicht, alsbald ein Lebenszeichen zu geben, und im ersten Jahre der „batavischen Freiheit," am 11. Februar 1795 wurde in Amsterdam der Judenclub „Felix Libertatc" feierlich eröffnet; verschiedene Commissare anderer Clubs und einige Officicre wohnten der Festlichkeit bei, bei der selbstverständlich in den feurigsten Reden die auscrstandene Freiheit verherrlicht wurde. Aber der Rausch, den man aus dem Taumelbccher getrunken, war bald vorbei. Ter erste heftige Widerstand kam von Seiten der orthodoxen Partei: kaum war „Felix Libertatc" eröffnet, als es schon aus vollem Kriegsfuß mit den Rabbinern und Parnassim stand: letztere hielten die Verbrüderung mit einer christlichen Nation für äußerst gefährlich und befürchteten von einer Einverleibung in die Gesellschaft der Eitoyens die Auflösung ihrer eigenen Nationalität," und dazu kam noch das nicht geringe Bedenken, daß die Juden auch am Sabbat zum Kriegsdienst verpflichtet gewesen wären. Dem Ansinnen der Mitglieder des Clubs, die Erklärung der Menschenrechte auch in der Synagoge öffentlich vorlesen zu lassen, widcrsctzten sich die Parnassim mit aller Macht und der Streit nahm eine so erbitterte Ausdehnung an, daß cs zu einer vollständigen Abscheidnng kam, die jüdischen Patrioten stifteten eine neue Synagoge, Adath Jeschurnn, die sich erst unter Wilhelm I. wieder mit der niederdeutsch-israelitischen vereinigte. Die patriotische Partei war von dem französischen Gesandten NM sehr eifrig unterstützt worden und seinem Einflüsse ist es zuzuschrciben, daß die Parnassim 1798 ihrer Aemter entsetzt wurden, und zwar, wie es hieß, „infolge des aristokratischen Despotismus, nachdem die Klagen im Rathsfaalc von Amsterdam ebenso fruchtlos gewesen wären, als die bei der Provinzialvcrwaltung von Holland und deßhalb fei es nothwcndig gewesen, die Herrschsüchtigen von ihrem Kirchcnrhrou berabzuwcrscn." Aber auch noch von anderer Seite erhob sich cm zäher Widerstand: Tie spanischen und portugiesischen Juden, monarchisch und aristokratisch gesinnt und feurige Anhänger des Hauses Orauien, verabscheuten eine Revolution, welche das letztere aus dem Laude gesagt hatte, und wollten dcßhalb von keiner Gleichstellung hören; ähnlich dachten auch viele deutsche Juden, und da „Felix Libertatc" kaum 100 Mitglieder zählte, so war der von jüdischer Seite fiir die Emancipatiou geltend gemachte Einfluß naturgemäß sehr gering. Aber auch auf christlicher Seite zeigte mau sich keineswegs entgegenkommend. Welcher Geist in diesen Kreisen noch wehte, geht daraus hervor, daß man fein Befremden kaum unterdrücken konnte, als man in Amsterdam vernahm, daß eine „der lieblichsten und schönsten Töchter des Frciheitsfreundes „van der Capellen tot den Marsch" in Paris ihre Hand einem Juden gereicht hätte, der als Offizier im Felde sein Vaterland, Freiheit und Gleichheit vcrthcidigte." Wer glaubt, daß bei den Männern, die zur Fahne der Freiheit und Gleichheit geschworen hatten, die Gleichstellung der Juden etwas Selbstverständliches, überhaupt gar kein Gegenstand der Erörterung mehr gewesen wäre, gibt sich einer argen Täuschung hin, im Gegentheil, bei dieser Gelegenheit zeigte sich recht deutlich, wenn »um auch das Auge davor geflissentlich verschloß, der calvmistifche Charakter der niederländischen Republik.'In Paris war der Eultus der Göttin der Vernunft cingcsührt worden, aber hier gab das spccisisch-christliche Princip den Ton an, und wenn die Frage, ob man die Inden M den patriotischen Versammlungen Massen sollte, in verneinendem Sinne beantwortet wurde, „weil das Judenthum nach der Lehre seiner Väter die Wiederherstellung ihrer Nation und die Ankunft des Messias erwarte und darauf noch forwährend hoffe, ein Princip, das in Widerspruch stehe mit der Sonveränetät des Volkes und mit den Menschenrechten, da eS auf die Errichtung eines irdischen Königreichs hinzielc" —, so ist hinter dem politischen phrasenhaften Schwulst unschwer der religiöse Standpunkt zu erkennen. Außerdem warf man den Juden vor, daß ihre Sympathie für das manische Haus in engem Zusammenhang mit dem Interesse stehe, das sie an englischen Staakspapieren hätten. Viele Patrioten machten denn auch aus ihrem Abscheu vor Allem, was jüdisch war und hieß, durchaus kein Hehl. Erst der im Jahre 1814 wieder errichteten monarchischen Regierung wurde es möglich, die verfassungsmäßige Gleichberechtigung der Inden, die bisher nur im Buchstaben bestanden hatte, dnrchzuführen. .

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.