Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 27 (1886)
- Issue
- Heft 47-48 (17.6.1886)
- Date
- 1886-06-17
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXVll.Zahrgiwz. Leitender Artikel. Literarischer Mericht. Wissenschaftliches ans dem Nabbiner- Leminar. HL LI. Geschichte der Juden in England von den ältesten Zeiten bis zu ihrer Verbannung von Dr. S. Gold sch midt. Erster Theil. XI. und XII. Jahrhundert. Berlin. Nosenstein und Hildesheimer. 1886. S. «6. Die jüdische Geschichtsschreibung war bis vor wenigen Jahren noch mehr eine literarhistorische Uebersicht über die Entwickelung des jüdischen LLamnres unter den christlichen und mnhamedanischen Völkern, als eine jciu historische Beleuchtung der jüdischen Verhältnine in den einzelnen Ländern. Eine wirkliche „Geschichte" der Juden ist nur dann möglich, wenn durch speciclle Untersuchungen und Darstellungen die Verhältnine der Juden in den einzelnen Ändern und Städten klargelegt werden, wenn durch detaillirte Forschungen die Grundlage sür die allgemeine Geschichte des Judcnthums gewonnen wird. Diesem Zwecke soll auch die vorliegende Arbeit dienen, sie soll die Verbälrnisse der Juden in England nach den Quellen darstellen. Dem Verfasser haben nicht viele Vorarbeiten Vorgelegen. Eine Specialschrist in deutscher Sprache ist über das vorgelcgte Thema noch nicht erschienen, aber auch die Engländer selber haben nur zwei bedeutendere Arbeiten über dieses Thema aufzuweisen, eine Schrift von Torey und die bekannte Abhandlung Margolionth, betitelt: History of The Jevs in Great-Britain. Die wenigen Daten, die sich bei Grätz und Dassel (Ersch und Gruber) finden, hat der Verfasser benutzt und theils berichtigt. Im Uebrigen ist der Verfasser überall auf die Original- Quellen zurückgegangen, wovon besonders das letzte größere Kapitel Zeugniß ablegt. Das erste Kapitel beschäftigt sich mit den ältesten Ansicdlungcn der Juden in England. Daß Inden vor 1066 in England ansässig waren, beweisen die kirchlichen Gesetzbücher der Erzbischöfe von Kantcrbnry und Aork und eine Urkunde des Königs Witgläss von Narcia. Der Erzbischof Thcodorns von Eantcrbnry (66!)) erläßt bereits scharfe Strasbestimmungen gegen die Ehristen, welche einen Verkehr mit Juden pflogen, die ihr ungesäuertes Brod aßen oder ihnen Sklaven verkauften. Erzbischof Egbert von Work (735—766) wiederholt in seinen Excerptiones einige Bestimmungen des Theodorns, und zumal das Verbot des Eoncils von Laodicaa, welches den Ehristen die Theilnahme an dem Gastmahle eines Inden strengstens verbot. Fügt man diesen Nachrichten eine Urkunde des Königs Witgloss hinzu, die uns zeigt, daß die Juden schon 833 Landbesitz erwerben dursten, so ist die Reihe der Zeugnipe aus jener Zeit erschöpft. Sie beweist indeß, daß die Juden mindestens um die Mitte des 7. Jahrhunderts in größerer Anzahl in England ansäßig waren. Mit dem Regierungsantritt Wilhelm I. (zweites Kapitel) kamen Inden in großen Massen nach England. Der tapfere Rormanncnhcrzog hatte ihre große Bedeutung für den Handel und Weltverkehr richtig erkannt und gestattete ihnen, in allen größeren Städten, wie in London, Oxford und Stamford, sich nicdcrznlassen. In London hatten die Inden mehrere Synagogen, dort war anch ihr Eentralbcgräbnißplatz, aus dem alle jüdischen Leichen des Reiches bestattet werden mußten, der „Jndengarten" genannt. In Oxford bewohnten sie drei Kirchspiele; hier stand ihre Synagoge und ei» öffentliches Lehrhans, in welchem der Rabbiner nicht nur Juden, sondern anch Ehristen, und zumal Studenten, in hebräischer Sprache und Wissenschaft unterrichtete. König Wilhelm, der unaufhörlich mit den Angelsachsen zu kämpfen hatte, hinderte die Juden nicht an der weitesten Entfaltung ihrer.Kräfte, ebenso, - wie die englische Geistlichkeit in.ihren Synoden sich nur wenig mit ihnen beschäftigte. Die früheren judenfeindlichcn Gesetze wurden allerdings aufrecht erhalten. Der Sohn Wilhelms, Wilhelm Rufus, war znm Entsetzen der Geistlichkeit ein ausgesprochener Jndenfreund. Er veranstaltete eine öffentliche Disputation zwischen Rabbinern und Bischöfen, er empfand nicht übel Lust, dem jüdischen Bekenntnisse sich anzuschlicßen und zwang Apostaten, zum Judcnthnme zurückznkehren. Der habsüchtige Fürst verpachtete die Einkünfte hoher Acmter an jüdische Finanzmänner um ungeheuer große Pachtsnmmen. Dieses freundschaftliche Verhältnis; änderte sich anch unter Heinrich I. (lloo—1135) nicht. Und trotz ihres umfangreichen Handels vergaßen die Juden die geistigen Güter ihres Glaubens nicht. Französische