Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 27 (1886)
- Issue
- Heft 43 (31.5.1886)
- Date
- 1886-05-31
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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XXVII. Jahrgang. M 43. 4^ ■ - ELu Kentrat - Organ für das orLöodo.re ZudentHum. Herausgcgeöcn von Ör. Lehman» tu Mainz. Sftontag, de» SL. Mai 5646 (1886). Leitende Artikel. Z>ie Sprüche der H'äter. n. Buch, zweite Abtheilung. X. Mainz, 27. Mai. Der Ausspruch des Rabbi Schimcon den Reßancl ist der herrlichen Charaktereigenschaft entsprechend, die sein Lehrer ihm bcigclegt hat. Nabbon Jochanan den Sackai hat ihn als einen not trr als einen solchen bezeichnet, der die Sünden fürchtet. Demgemäß lehrt Rabbi Schimeon, der gerade Weg, dem der Mensch anhaften soll, ist der, daß nian bei Allem, was man thut, die Folgen bedenkt. Wer die Sünde fürchtet, wird stets überlegen, ob Dieses oder Jenes zu einer Sünde ftihren kann. Er wird bei der Wahl seines Lebcnsberufes nur einen sülchen NahrnngSzweig zu denr seinigcn machen, der am wenigsten zur Versuchung führt, vom Pfade der Tugend und Gottesfurcht abzuwcichcn. Er wird bei der Wahl seiner Lebensgefährtin lediglich darnach streben, ein gutes, frommes, edles Weib zu erhalten; nicht die Größe der Mitgift, nicht die Schönheit des Körpers, nicht die Anmuth des Geistes werden bestimmend fiir ihn sein. Er wird bei der Erziehung seiner Kinder nur die eine Rücksicht wallen lasten, daß sie zn edlen, guten, gottcsfürchtigen Juden erzogen werden. Wie thöricht sind doch die Menschen, die bei der Erziehung ihrer Kinder nur materielle Rücksichten walten lasten! Diese Thorheit ist eine der traurigsten Erscheinungen nuferer Zeit. Alle möglichen Fertigkeiten sollen die Kinder erlerne», die ihnen künftig zum Lcbcnserwerb verhelfen, die sie einst in gesellschaftlicher Beziehung anszeichnen sollen. Rur von der Gotteslehre, unserem größten Schatze, von den heiligen Pflichten, die wir als Juden und Jüdinnen haben , erfahren die armen Kleinen wenig oder nichts. Sie erlernen die tobten und lebenden Sprachen, sie erlange» allerlei nothwendiges und überflüssiges Wissen, sie lernen tanzen und musiciren, aber sie lernen nichts die Thora und die Psalmen in der Ursprache lesen; sie besuchen Kindcrbälle und Kindertheater; aber für den Unterricht in der Religion unseres Gottes ist keine Zeit vorhanden. Wenn doch die thörichten Eltern die Folgen bedenken möchten, die solch' eine verkehrte Erziehung haben muß! Wqs soll aus diesen" armen Kleinen werden? Die Knaben tteten in Geschäfte ein, in denen sie den Sabbat entweihen müssen; andere Jünglinge, die sich dem Studium widmen, werfen auf der Universität den letzten Rest jüdischen Fuhlens und Denkens von sich. Es erwachen die sinnlichen Leidenschaften, und was soll einen solchen religionslosen Jüngling hindern-, den schlimmsten Lastern zu fröhnen? Eng damit verknüpft ist eine verschwenderische Lebensweise, und die Ausgaben übersteigen die Einnahmen. Bald gerät!) der junge Mann in Verlegenheiten und verwechselt die Begriffe von Mein und Dein oder macht Schulden, die er nicht bezahlen kann. Dann klagen der Vater und die Mutter über den verderbten Sohn, der ihre Tage und Nächte mit Kummer erfüllt. O, hätten sie doch vorher bedacht, was das Ende sein wird, hätten sie die Folgen' erwogen, welche die thörichte Erziehungsweise nach sich ziehen mußte! „Unsere Söhne sollen sein, wie die jungen Bäumchen, erzogen in ihrer Jugend." (Psalm 144. V. 12.) Will man, daß der junge Baum gerade und kräftig cmporwachse. so muß man dafür sorgen, so lange das Bäumchen noch jung und zart ist; und man muß es pflanzen in guten Boden, alle schädlichen Einflüsse von ihm ferrthallcn,