Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 27 (1886)
- Issue
- Heft 41 (24.5.1886)
- Date
- 1886-05-24
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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711 F e tt i I I r 4 o «. WeHamich. XXL Vom Tage des Turniers an vollzog sich ein Umschwung in der Gesinnung des Hofes in Bezug ans den lliitter Wolf von Trachcnftein. Tic Ritter neideten ihm die schöne und. reiche Braut. Die Dürften und Grafen konnten es ihm nicht verzeihen, daß er sich, als künftiger Graf von Helfcnsicin wie ihresgleichen benahm, nnd in der kaiserlichen Familie gab Prinzessin Maria bei jeder Gelegenheit ihren Unwillen über des Ritters rücksichtsloses Benehmen gegen ihren Gemahl unverhohlenen Ausdruck. Dem Ritter wurde cs unheimlich unter all den Feinden nnd Neidern, und er wäre gern mit Schwiegervater und BranL nach deren Gütern gezogen; allein davon wollte Fräulein .Kunigunde nichts wigcn; sie wollte noch ferner Triumphe feiern inmitten der erlauchtesten Gesellschaft des Reiches, zumal jetzt, da durch die vielen Hoffeste täglich mehr Fürsten und Herren sich veranlaßt fühlten, mit ihren Familien das kaiserliche Hostager anfzusuchen. So war erst vor wenigen Tagen der Fürst von Dahlberg mit Gemahlin und Kindern hcrbekgereist. Der Fürst und seine Gemahlin, eine geborene Landgräfin, von Hessen, standen beide in.den dreißiger Jahren, und ihre Kinder waren noch sehr jung. Aber in ihrer Begleitung befand sich eine junge Dame von strahlender Schönheit. Gräfin Esperanto von Billeflenrs, eine geborene Französin, war, wie man sagte, eine entfernte Verwandte des Fürsten. Wer sie gesehen, war ihres Ruhmes voll. — „Sie ist ein überirdisches Wesen", sagten die Herrett, „und ihresgleichen ist bis jetzt ans Erden nicht erschaut worden. So stellt man sich die Engel vor, wenn sievomHimmel hernieder schweben. „Schlank wie eine Tanne, anmnthig wie eine Gazelle, mit einem Antlitz, das an Schönheit mit nichts zn vergleichen war, bezauberte sie Alles durch ihre Erscheinung. Wer aber das Glück gehabt hatte mit ihr zu sprechen, wußte nicht genug den wunderbaren Geist zu rühmen, der aus ihren scelcuvollen Augen leuchtete. Sie sprach das Deutsche nnd Französische mit gleicher Gewandtheit und wat in allen Wissenschaften erfahren. Stoch war sie bei Hofe nicht vorgestcllt; aber schon hatten der Kaiser nnd die Seinen so viel von ihr vernommen, daß sie mit Spannung dem Tage entgegenschancten, an welchem die Fürstin Dahlbcrg sie einsuhren werde. Aber n nicht die Fürstin übernahm dieses Amt, sondern der Fürst erbat vom Kaiser die Gnade, ihm die junge Gräfin vonrcllcn zu dürfen, die der kaiserlichen Majestät eine Bitte vorzuttagen habe. Zn feierlicher Andienz, bei Anwesenheit des ganzen Hofes, empfing der Kaiser den Fürsten, der die junge Gräfin an der Hand führte. Diese warf sich dem Kaiser zu Füßen nnd küßte den Saum des kaiserlichen Gewandes. „Steh auf, mein holdes Kind", sagte der Kaiser, voll Wohlgefallen die anmuthige Gestalt des vor ihm liegenden Mädchens betrachtend. „Steh auf und trage mir Deine Bitte vor. Ich werde nicht anftehen sie zu gewähren, wenn ich solches vermag; denn daß Du nichts llngebührliches verlangst, das lese ich in Deinem holden Angesicht." Tie junge Dame erhob sich und sprach: „„Dank Euch, mächtiger Herr, für Eure gnadenreichen Worte, nnd verzeihet mir, wenn ich, ein unerfahrenes Mädchen, die Siebe nicht so zu setze» verstehe, wie vor dem mächtigsten Herrscher es sich ziemen möchte."" „Rede nur ohne Scheu." „„Kaiserliche Majestät, ich bin des Grafen von Villefleurs Tochter. Die Besitzungen meiner Ahnen liegen in Lotharingen, und meine Voreltern waren Niemandem dafür zur Lehn verpflichtet. Da verlangte der Herzog von Lotharingen, daß mein Vater, Gras Robert, ihm -den Vassalleneid leiste. Mein Vater aber weigerte sich dessen; er wollte feine Besitzungen ebenso, frei seinen ftmbcrii vererben, wie er sic von seinen Voreltern empfangen. Da sammelte der Herzog ein großes Heer, und auch mein Vater bot seine Vasallen und Knechte auf. Er mußte der llcbcrmacht unterliegen. Die Burg Villefleurs wurde belagert, erobert, zerstört. Mein Vater, meine Mutter, meine fünf Brüder fielen unter den Streichen der Eroberer. Mich, da ich noch ein kleines Kind war, rettete meine Amme und entfloh mit mir zu einem Oheim meiner Mutter, zum Grasen von Oggersheim, einem Vasallen des kaiserlichen Palatinns. Dort wuchs ich auf, eine arme Waise, das Gnadcnbrod harter Verwandter essend. Vor wenigen Monaten besuchte meinen Großoheim ei» Ritter; er gab vor, in Liebe zn mir entbrannt zu feilt, nnd auch ich liebte den schönen, treulosen Mann. Er schwur die heiligsten Eide, daß er kommen würde, um mich als sein ehelich Gemahl auf sein Schloß zu führen, und ich — ich glaubte ihm."" Die junge Dame schtvieg, verschämt die Augen nledcrschlagcnd.