Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 27 (1886)
- Issue
- Heft 40 (20.5.1886)
- Date
- 1886-05-20
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2446951-2449600-2449639--24317-2514064- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
„bcnn bei Gott altem. Wir wollen Fasttage eiuscven und unsre Gebete zu Ihm emporseuden." Und so geschah es. Die ganze Gemeinde von Worms, Männer, Frauen, Jünglinge und Iungfraucu fasteten an jedem zweiten und fünften Wochentage, und die Synagoge wurde von Morgens bis Abends von Betern nicht leer. Reuden begab sich nach Hernshcim auf das Schloß des Fürsten von Dahlberg, um diesem hohen Herrn das Empfehlungsschreiben zu überreichen, das er vom Grasen von Bapcnhcim empfangen hatte. Die Kunde vom traurigen Geschicke Daniels und dem Unglücke, das in Folge dessen die deutschen Inden bedrohe, verbreitete sich im ganzen Reiche, und überall wurden Fasttage eingesetzt und Gebete angeordnet. Jedermann ging i» sich, bereute feine Sünden, that Buße und stehle mit heißer Inbrunst zu unsrem Vater im Himmel. Unsre Weisen lehren, daß Jeder, der Israel wehe thut, au Ansehen und Ehre zunimnit, von Stufe zu Stufe steigt, bis ..... Also geschah es auch dem Ritter Wolf von Trachenstcin. Er war am kaiserlichen Hose der Held des Tages geworden. War er es doch, der den verhaßten Juden gestürzt und dessen Regiment ein Ende gemacht hatte. Graf Helsenstein, einer der reichsten und vornehmsten Herren des Reichs, hatte eine ebenso schöne wie stolze Tochter. Sie war sein einziges Kind, die Erbin seiner Reichthümer: nur die Lehnsgüter sielen, wenn mit dein Grafen der Mannesstamm deren von Helfcnstein ausstarb, an den Kaiser zurück, der dann, wen er wollte, mit denselben belehnen konnte. Der Graf erkor den Ritter Wolf zu seinem Schwiegersöhne und erlangte vom Kaiser das Versprechen, daß dem Gemahle seiner Tochter alle seine Güter zugleich mit dem Namen und der Würde eines Grafen von Helfcnstein übertragen werden sollten. Der zweite Sohn des Kaisers war mit dem Gesandten fortgereist, um persönlich um die ihm bereits verlobte Braut zu werben, und bald daraus war die Vermählung am Hose des Königs gefeiert worden. Dann kehrte der junge Prinz mit seiner schönen Gemahlin an den Hof des Kaisers zurück. Große Feste wurden zu Ehren des jungen Ehepaares veranstaltet, unter andern auch ein ritterliches Kampspie!, ein Turnier. Die Fürsten, Grafen und Ritter cngagirten sich gegenseitig zum Lanzenstechen. und die stolze Kunigunde, des Grafen Hclfensteiu Tochter, verlangte von ihrem Verlobten, daß er den Prinzen zn einem Stechen über Schranken heransfordere. Wohl weigerte sichrer Ritter dessen. „Vielholdes Fräulein," sprach er zu seiner Braut, „c§ ist nicht gut, mit hohen Herrn einen Wettstreit einzugehen. Unterliege ich, so habe ich die Schande; obsiege ich aber, so errege ich Neid und Haß." „„Seid Ihr ein Feigling, Ritter,"" sprach das stolze Fräulein verächtlich, „„bafc Ihr es nicht wagt, im ritterlichen Spiele einem Prinzen entgegenzntteten? Mich ärgert», daß man so sehr die Schönheit seiner Gemahlin rühmt, wie wenn Niemand ihr verglichen werden könnte.. .Ich will, über sic triumphiren, und daher müßt.Ihr den Prinzen nicderstreckcn."" Dagegen ließ sich nichts einlvenden, und der Ritter sandte durch seinen Knappen dem Prinzen die Herausfordernng, die auch angenommen wurde. Ein prächtiger Morgen war es, als das Fest begann. Bald füllten sich die am Kampfplatze errichteten Tribünen mit vornehmen Herren und Damen. An der vorder« Brüstung waren besondere Ehrcnsitze für die kaiserliche Familie angebracht, und Prinzeß Maria hatte cs unternommen, den Siegern die Ehrenpreise zu überreichen. - Als Alles wohl vorbereitet war, nahm das Fest seinen Anfang. Zunächst bettat unter Fanfarenklang der Herold, auf das prächtigste mit seiner Amtstracht bekleidet, gefolgt von seinen Gehilfen, den heitergeschmückten Kampfplatz und verlas die Turniergesetze. Alsdann nahm er eine Prüfung der Waffen vor. Al» solches geschehen, ließ er ein Trompctcnzeichen geben und die Parteien ritten ein, nachdem der Name jedes, einzelnen Ritters laut ausgerufen war. Der Herold vertheilte die Waffen, und das Vorturnier nahm seinen Anfang, indem auf ein gegebenes Zeichen die Streiter gegen einander losrückten. Den ganzen Tag, nur von einer Mittagspause unterbrochen, währte das Spiel. Der Kampf mit Turnierkolbcn, mit Schwertern und Streitäxten war ansgekämpft, schon war auch manche Lanze gebrochen, mancher Ritter kläglich in den Sand gesteckt worden, als gegen Abend das Stechen über Schranken angekünd'igt wurde. Die Aufseher des Kampfplatzes ließen durch die Bahnknechte eine Schranke inmitten des Platzes aufstellen. Inzwischen traten die beiden Kämpfer zum fahnengcschmückten Eingänge. Der Prinz war in einer glänzenden Rüstung, über der er eine kostbare Schleife mit den Farben seiner Gemahlin trug. Ihm 'folgte ein Knappe, der das Streitroß am Zügel führte, ein anderer Knappe trug seines Herrn Helm, Lanze und Schild. Am Eingangsthore bestieg der Prinz das gepanzerte und mit schütten Decke» reich be-