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Der Israelit · 1886-08-12 · Heft 64 (12.8.1886) · page 17

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Journal
Der Israelit
Volume
27 (1886)
Issue
Heft 64 (12.8.1886)
Date
1886-08-12
Page
– (sequence 17)
Language
German
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’l '• i!i!?:' ji? ' /V» OS ESv‘1 Kapital und Zinsen Von N. Keller. In einenl elegant eingerichteten Zinuner saßen zwei Herren bei einer Flasche Wein. Sie waren Urnversitätsfreunde gewesen, und Professor Herzog, den eine Studienreise an den Rhein fiihrte, hatte es nicht versäumt, seinen Jugendfreund, den wohlrenommirten Arzt, Dr. Leßmann, ausznsnchen. „Lieber Freund," sagte der Proseffor, während er aus seiner Havanacigarre den Rauch in wohlgebildeten Kreislern emporsteigen ließ, „wie ich sehe, bist Du sehr gut situirt und erfreust Dich einer glänzenden Praxis. Warum denkst Du nicht daran, eine Familie zu gründen? Deine gute, sauste Mama wird sich gewiß mit einer Schwiegertochter wohl vertragen." „Mein lieber Freund," antwortete Leßmann, „ich werde niemals heiratheu. Ich habe ein einziges Mal geliebt, und mein Herz hat für eine andere Liebe nicht Raum." „„Du hast geliebt? Ist das schon lange her?"" „Schon sehr lange. Ich war noch Halb ein Kind, und der Gegenstand meiner Liebe war um fünf Jahre jünger als ich." „„Das ist sonderbar, ein psychologisches Räthsel. Solche Kindcrgeschichren pflegen sonst nicht festzusitzen. Tie Sache ist mir interenant. Ich bitte Dich, erzähle mir die Geschichte ausführlich."" „Gern; doch zünde Dir zuvor eine neue Cigarre an." Der Professor kam dem Wunsche des Hausherrn nach, und dieser begann: „Ich war ein Knabe von fünfzehn Jahren und sollte eben in die Untersecunda versetzt werden, als mein guter Later starb. Er hatte in ben letzten Monaten vor seinem Tode mehrfach Malheur in seinen Geschäften gehabt, so daß meiner Mutter und mir nicht das geringste Vermögen verblieb. Meine Mutter mußte, um. ihren Lebensunterhalt zu erwerben, eine Stelle als Haushälterin annehmen, und ich war glücklich, da ein wohlhabender Glaubensgenosse auf dem Landender einzige Jude in meinem Dorfe, nach in sein Haus nahm. Ich mußte die Kinder ves Mannes, vier ungezogene Buben und drei widerhaarige Mädchen, unterrichten und im Sommer auf dem Felde oder beim Lkehhüteu mitthätig sein. Dafür erhielt ich freie Station und ein minimales Salair. Was ich da gelitten, kann ich Dir nicht beschreiben. Die Kinder wollten nichts kernen und ärgerten und kränkten mich, wo und wie sie nur konnten. Die Eltern waren ganz ungebildete Leute und nahmen ihre Kinder stets in Schutz. Dazu kam noch, daß ich, der ehemalige Gymnasiast, manchmal die Kühe hüten oder den Mist aufs Feld fahren mußte. Und doch waren die Jahre, die ich in diesem Hanse verlebte, die glücklichsten meines Lebens, .denn ich verbrachte sie in der Rahe des Mädchens, das ich nickt ver-

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