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Der Israelit · 1886-08-09 · Heft 63 (9.8.1886) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
27 (1886)
Issue
Heft 63 (9.8.1886)
Date
1886-08-09
Page
– (sequence 7)
Language
German
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1005 erst acht Decennle» später unter der Negierung des edlen ritterltchen Ka iser Franz Josef zu voller Anerkennung und praktischer Ausführung gelangten, Geltung zu verschaffen. Durch das ganze weite Reich ging cm gesunder, frischer Hauch einer gewaltigen freiheitlichen Strömung, der auch bis in die entferntesten Theile der Monarchie in die entlegensten und kleinsten Ortschaften drang. — Kaiser Josef, dessen klarer Blick allüberall das Richtige erkannte, ersah, daß Bildung eine hochveredelnde Wirkung besitze, und verorduete daher, daß jedes Kind die Schule besuchen müsse und auch die Juden sich die Landessprache aneignen und die jüdischen Gemeinden deutschc Schüler: errichten müßten J) und auch die Judengemeinde in W. mußte sich mit schweren Opfern entschließen, mit großen Kosten eine Normalschule, wie sie in dem damaligen Amtsstyle geuanut wurde, zu errichten? Die gutgemeinten, löblichen Absichten des edlen \ Fürsten stießen aller Orten auf Widerspruch, oft I auf Widerstand. — Wir lieben in unfern Därj stellnngcu die volle ungeschminkte Wahrheit und \ wollen es nicht verhehlen, daß sich auch in den; jüdischen Kreisen ein hoher Grad von Gereiztheit! gegen diese neuen Einführungen kund gab. Diese | läßt sich leicht erklären. Der entsetzliche Druck, j welchen bisher die Juden erlitten, ihre totale Ab- [ geschlosscnheit von allen andern Staatsbürgern, j hatte einen eigenthümlichen zum Theil ungünstigen i Eindruck auf sie ausgeübt. Es war begreiflicher j Weise hiedurch der Mehrzahl, die richtige Leurtheij Iung der Lebensverhältnisse abhanden gekommen, j Jedes Wissen, das außerhalb ihres Religionslebens I lag, war ihnen gar nicht oder nur schwer erreichbar gewesen, und da sie von demselben keinen Gebrauch machten, hatten sie sich daran gewöhnt es für überflüssig, mehr als das für schädlich zu halten. Sie hatten alle ihre Geisteskräfte nahezu aus- I schließlich auf religiöse Studien verwendet. Sie 1) Wir führen die diesbezügliche Verordnung vom 19. Cctofier 1781 im Auszuge an: Tie Juden sollen in einer Zeit von zwei Jahren gehalten sein, alle ihre Kontrakte, Verschreibungen, Testamente, Rechnungen, Handrlsbücher, kurz Alles was eine Verbindlichkeit in gerichtlichen und außergerichtliche» Handlungen haben soll, in der gerichrsüblichen Sprache des Landes bei Strafe der Nullität und Verweigerung der obrigkeitlichen Assistenz Lnszufertigea, wlglich soll Mein der Gottesdienst ausgenommen sein, wobei sie sich der hebräischen Sprache bedienen können. Um aber des Erfolges nch nm so mehr zu versichern, sei das beste Mittel, wenn bei den jüdischen Hauptschule» eine aach Nonnallehrarr eingerichtete Schule, jedoch ohne die mindeste Beirrung ihres Gottesdienstes und Glaubens , eiagesührt werde. befürchteten nun, daß profane, sie von talmudischen Studien ablenken, sie zum Unglauben drängen, zum Abfälle von dem altererbte» Bäterglauben verleiten könnten. Einzelne Juden, welche vom heißen Drange getrieben, mit großen Opfer» profanes Wissen erlangt hatten, waren in der That von der Vüterreligion abgefallen, und so hatte sich eines großen Thckles der damaligen Juden die unrichtige Anschauung bemächtigt: daß allgemeine Bildung der Religion abträglich sei, zu Abfall, Sünde und llngläubigkeit verleite. Es gab unter den Juden jener Zeit unverständige Männer, welche die Einführung des deutschen Schulunterrichtes als eine „Gesere" ein die Vernichtung des Judenthuuls bezweckende Maßregel betrachteten und von ihren Rabbinern verlangten, man möge Fasttage ausschreiben und Gebete verrichten, damit Gott gnädigst dieses Mittel abwende. Auch in W. gab es einige Verblendete, welche zur Errichtung einer solchen Schule nichts beitrugen, noch weniger ihre Kinder in dieselbe schicken 'wollten. Allein der großen Klugheit und Energie des Vorstehers Aron Brack gelang es, die Irrenden zu belehren und auf den richtigen Weg zu führen. Bei einem Gastmahle, welches die Kabronim-Chewre2 3) alljährlich ihren Mitgliedern als eine Art Verbrüderungsfest gab, hatte Brack, der ein Meister des Wortes war, eine Tischrede schalten und zum Texte derselben den Spruch des Mischnahlehrers: „Schön ist's, wenn sich mit der Kenntniß der Thora, jene des profanen Wissens verbindet," gewählt, und hatte.!« einem, feine große, talmudische Gelehrsamkeit dokumentirenden, mit geisireichen, trefflichen Eitaten gewürzten Vorttage, den' großen Runen der Kenntniß allgemeines Wissens, auch für die Bekenner des jüdischen Glaubens, mit unwiderleglichen Gründen bewiesen. Er führte zur Unterstützung seiner Behauptung die Namen aller großen, jüdischen Lehrer der Borzeit an, welche neben eminenten, religiösen, auch immenses, profanes Wissen besaßen, und dieses als Aerzte, Astronomen u. f. f. nicht nur zu eigener Ehre und eigenem Nutzen, sondern auch zur Ehre der Judenheit, zum Wohle der Menschheit verwertheten. Von der entferntesten Vergangenheit zur Gegenwart übergehend, brachte er auch, aus jüngster Zeit und unmittelbarster Nähe einen Beweis dafür, daß profanes Wissen dem Erlernen des Hebräischen nicht abttäglich sei. Sein Pstegesohn Michael Klein besuche nun auch durch ein Jahr die Normalschule, könne nun schon prächtig lesen, schreiben, rechnen, dabei 2) Eine drückende tyrannische Maßregel der Negierung. 3) Veerdigung^Vrüderschasr.

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