Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 27 (1886)
- Issue
- Heft 35 (3.5.1886)
- Date
- 1886-05-03
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2449600-2449634--24210-2513912- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Eis XXV1L ZchrßWZ. ) 1 Os V’-v D- ELMM Aentrak - Hrgan für bas orthoboXs Judentum. ^ranZgegebea von Dr. Lehrsarrs m MaLsz. Montag, de« 3. Mai SS4S (1886). Leitende Artikel. Ire Sprüche der Mäter. H. Bach, zweite Abtheilttrrg. ir. Mainz, 30. April. Rabbi Samuel de Oseda erwähnt in fernem Buche „Midrasch Schemuel" eine geistvolle Erklärung der in Rede stehenden Mschnah, die', wenn sie auch dem Sinne derselben-nicht ganz entspricht, wir dennoch, des darin enthaltenen Gedankens wegen, unsren geehrten Lesern vorführen wollen. Wir werden eine Parabel vorausschicken und dann die erwähnte Erklärung daran knüpfen. Ein Mann hatte Zwei Söhne, wir wollen sie Renben und Schimeou nennen, denen er, als er starb, ein ansehnliches Vermögen hinterließ. Nachdem die Leiden Brüder die Erbschaft getheilt hatten, sprach der Jüngere: Ich bin zufrieden mit dem, was mein Vater mir hinterlassen hat. Es wird hinreichen, mich und meine Familie zu ernähren, und deßhalb will ich mein ganzes Leben dem Studium der heiligen Lehre widinen. — Der Aeltere aber sprach: Mein Vater hat mir zwar ein schönes Vermögen hinterlassen; ich jedoch will mich bemühen, cs noch bedeutend zu vermehren! — Und so geschah es. Der ältere Bruder errichtete ein großes Geschäft, in Folge dessen er oft wette Reisen unternehmen mußte, wahrend der jüngere Bruder zu Hause blieb und seine ganze Zeit dem Thorastudium widmete. — Eiust kehrte Reuben mitten im Winter von einer Reise zurück. Einige Meilen von seinem Wohnorte entfernt, hatte er das Unglück, daß sein Wagen zerbrach. Der Kutscher lief nach einem benachbarten Dorfe, um einige Bauern zur Hilfeleistung herbeizurufen, und Renben entschloß sich, trotz des tiefen Schnees, den Weg in die Heimach zu Fuß zurückzulegen. Ganz erschöpft kam er um Mitternacht daselbst an. Alles lag im-tiefsten Schlafe, und nur in dem Studierzimmer des Bruders war noch Licht. „Rabbi Schimeon!" rief Reuben. Der Angenrfene öffnete -das Fenster. „Du bist es, mein Bruder?" ftagte er. „Ich öffne Dir sogleich." — Er brachte den Erschöpften in sein wohldurchwärmtes Zimmer, reichte ihm trockene Kleider und Wäsche, und, während Reuden-sich--LmkLcideLe,LeretteLe er auf einer Maschine einen warmen Labetrunk. Auch Brod und Butter holte er herbei und dann stopfte er für den Bruder eine Pfeife. — Reuben erholte sich allmählig, aß und ttank und zündete sich die Pfeife an, während Schimeon sein unterbrochenes Sttrdium wieder ausgenommen hatte. — „Du bist," sagte er nach einer Pause, „zu einer guten Stunde heimgekehrt, mein Bruder; ich habe soeben einen Widerspruch im Talmud gehoben, um dessen Erklärung die größten Forscher sich bisher vergebens bemüht haben." — „Höre einmal, lieber Bruder," sagte darauf Reuben, „nach Recht und Gerechtigkeit kömmt mir die Seligkeit der zukünftigen Welt eher zu als Dir. Dn genießest schon diese Welt, sitzest zu Hause im wohldurchwärmten Zimmer, issest und trinkest, wenn Du Hunger oder Durst hast, beschäftigst Dich immerwährend mit einem Studium, welches Dir die höchste Freude bereitet. So genießest Du. Dein Leben. Ich aber muß mich plagen und placken, in Sturm und Schnee, in Hitze und Kälte, muß mich nur zu oft mit unerquicklichen Dingen beschäftigen, werde häufig von böswilligen Schuldnern um die Frucht meines Fleißes betrogen. Ich genieße mein Leben nicht; ich habe demnach den größeren Anspruch auf die Freuden der zukünftigen Welt." Da lächelte der Andere und sprach: „Höre