Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 27 (1886)
- Issue
- Heft 22 (18.3.1886)
- Date
- 1886-03-18
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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XXYH. Jahrgang. M TT. Ei» Kentrat- Organ für das ortßodoXe Iudenthum. HerLusgeZeben vsn Lehsrssa in Marvz. - Donuerftag, de» 18. Mürz 5S4S <I886> Da mit dear 1. April 1886 ein neues Quartal beginnt, so erlauben wir uns, die geehrten / Abonnenten h/rrrtltf /mfmprffnm 21t »nnffinM h/rti itnmfirrtfirfi firi h<»r SUnff hrrS _ Abonnenten darauf auftnerkscun zu machen, daß namentlich bei der Post das Abonnement frühzeitig erneuert werden muß, damit die Versendung keine Unterbrechung erleide. Leitende Artikel. Zum Wurimfeste. IV. Mainz, 15. März. Kein Begriff wird so viel und so oft mißverstanden, wie. der der Freiheit. Die meisten Menschen verstehen darunter die Erlanöniß zu thun und zu laffen, was sic wollen, wozu sie Neigung und Trieb bewegt. In der That ist jedoch Nieniaud unfreier als Derjenige, welcher immer feinen Launen und den Eingebungen des Augenblicks folgt. Er schmachtet unter derschlimmsten Sclaverei, unter der der Selbstsucht, der Thorhcit,. der Unvernunft. Er macht Alle unglücklich, die von ihm abhängen, am Unglücklichsten aber sich selbst. Er vergeudet sein Vermögen, zerrüttet seinen Geist, zerstört seine Gesundheit. Frei ist nur Derjenige, dermit Bewußtsein thut, was gut und recht ist, der mit Bewußtem meidet, was böse und schädlich ist. — Die Kunst, frei zu handeln, muß erlernt werden wie jede andere Fertigkeit, zur Freiheit muß der Mensch erzogen werden. Hieraus ergibt sich von selbst, daß der wahrhaften Freiheit ein Zustand der Unfreiheit Vorbeigehen muß. Solange die Kunst, ftei zu handeln, erlernt werden, solange man noch zur Freiheit erzogen werden muß, befindet man sich ja wldstverständlich im Stadium der Unfreiheit. Das Lind, dessen Verstand noch nicht, gereift ist, das noch nicht zu unterscheiden vermag zwischen gut und böse, muß gezwungen werden, von der Lieblings- Werse nicht zu viel zu essen, muß gezwungen werden. die Annehmlichkeit des Spiels zn unterbrechen, um zu dem „langweiligen Lenren" angehatten zu werden, es muß gezwungen werden die Wahrheit zu sagen, die Lüge zu meiden und all die bösen Triebe des jugendlichen Herzens zu unterdrücken. — Aehnlich verhielt es sich mit Israel, da es aus Mzrajim zog. Es war ein Sclavenvolk gewesen, unfähig noch , die Freiheit selbstständig zu erfassen. Daher mußte es vorher dazu erzogen werden, und die Thora mußte ihm als etwas enrgegentreten, dessen-Gebote den Gehorsam erheischten, es mußte zur Befolgung der Gottesgebote gezwungen werden. Wir wollen, ehe wir weitergehen , eine Frage erörtern, die sich beim Lesen, der obenerwähnten Talmudstelle (Sabbat 88 a.) anfdrängen muß. Daselbst wird.erzählt, daß Gott den Berg Sinai entwurzelt, ihn über die Israeliten gebeugt und gesprochen habe: Wollt ihr die Thora annehmen, so ist es gut; wo nicht, so begrabe ich euch unter diesem Berge. — Die Erzählung der heiligen Schrift selbst scheint diesem Ausspruche des Talmuds zu widersprechen. Die heilige Schrift berichtet uns, daß Gott durch Moscheh bei den Israeliten hat anftagen lassen, ob sie bereit seien, die Thora zu empfangen: sic antworteten': „Alles, was Gott geredet, wollen wir thun," und ferner: „Alles, was Gott geredet, wollen wir thun und hören." Wo ist da eine Spur von einem Zwange zu entdeckend Diese schwerwiegende Frage, dieser anscheinend unlösbare Widerspruch führt zu einer ganz andern Auffassung der in Rede stehenden Talmudftclle.' Nab Abdima will nicht sagen, daß Gott den Berg Sinai wirklich über die Israeliten gehalten mib sie mit dem Tode bedroht habe, wenn sie sich weigerten,, die Thora anznncbmen — nein, das ist mir eine