Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 27 (1886)
- Issue
- Heft 21 (15.3.1886)
- Date
- 1886-03-15
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XSVH-Sjfegaaä. Leiträder Artikel. Eine KeHpredigt neuester Art. 8. Wiewohl während des seit füMchn Jahren gegen uns Inden heraufdeschworenen und grimmig gerührten Kampfes innerhalb der Judenheit die Gegensätze nicht ausgeglichen wurden, und der Kampf der Parteien derselben blieb, so galt cs doch.für ehrenhaft und angemessen, nach außen hin Schulter an Schulter gegen den gemcinsanlen Feind zu kämpfen. Herr Emil Lehmann in Dresden scheint solcher Ehrenpflicht sich überhoben zu glauben. Eine Broschüre, die er unter dem Titel „D i e Juden jetzt und einst" soeben hat erscheinen lassen (Dresden und Leipzig. Pierson), und die den Antiscuntismns bekämpfen und zur „Lösung der „„Judenfrage"" beitragen will, ist aber im Großen und Ganzen nichts Anderes als eine Hetzpredig: gegen das orthodoxe Jndenthum, die nicht allein oarauf ausgeht, cs lächerlich zu machen, sondern sich auch nicht scheut durch unwahre Behauptungen dasselbe in einem gehässigen Lichte erscheinen zu lassen und wohl geeignct wäre, die ganze Rasselbande der Antisemiten auf die orthodoxen Juden loszulasscn, wenn jenen nicht die Race an sich ein Greuel wäre, wenn wirklich der antisemitischen Bewegung auch nur der blasse Abglanz idealer und cultureller Bestrebung innewohnte. Es ist das die - eine Anklage, die wir gegen diese Schrift erheben, und die wir werden zu - beweisen haben. . Hierzu kommt aber noch ein Zweites: Diese Schrift ist nicht allein nicht dazu angethan, nach außen hin versöhnend zu wirken, sie ist vielmehr dazu geeignet, den Haß zu schüren, und ihn in Kreise zu tragen, die bisher von der Schmach des Antisemitismus sich freihielten, und darum müssen wir als Juden-, nicht von unserm orthodoxen Standpunkte ans, sondern als Juden im Namen aller, welcher Schattirnng im Jndenthum sie auch angchoren mögen, Protest gegen diese Seite des Machwerks des Herrn Lehmann erheben. Wir beginnen mit dem zuletzt genannten Punkte'zuerst. Herr Emil Lehmann stellt die Spaltungen im Jndenthum mit dem Ehristenthmn auf gleiche Linie und, so-erklärt er, daß die Griechisch-Katholiken den Ehassidim, die Römisch-Katholischen und die Lrl^odox-Lnthrrischen den orthodoxen Juden, die Alt- und Deutsch-KachoMen und die Protestantenvereine den Reformjuden ähneln. Diese Parallele ist nun Geschmacksache, wir wolle» Herrn Emil Lehmann das Vergnügen die ser Systemakisimng lassen und jetzt nicht mir ihm über das Falsche oder das Nichtige derselben rechten. Aber, was wir hier hervorheben müssen, ist seineFrivvllLul, mir weicherer als Jude Dogmen der christlichen Kirche herabzüwürdigcn sucht. Denn, wenn Herr Emil Lehmann sich folgenden Satz erlaubt: „— wie der orthodoxe Christ an die Göttlichkeit des Stifters der christl. Religion, an dessen Opfertod Auferstehung, Fürsprache und Vermittler-' amt; wie der gläubige Katholik an seine Heiligen, an den Werth der Seelenmesse, der Ohrcnbeichte, an die Wunverkraft der Sacramente; wie der rechtgläubige Protestant an den Teufel und die Nothrvendkgfrit seiner Austreibung durch den Teufel festhält: — steift sich der orthodoxe Jude auf den göttlichen Gerichtstag zu Neujahr, an dem die schwarzen und die heiteren Loose gezogen werden u. s. w." so ist daraus ersichtlich, daß er die Art und Weise, wie er jüdische Ceremonicn lächerlich zu machen sucht, auch auf die Dogmen der christlichen Kirche anwendet, und damit meint Her? Lehmann, den Antisemitismus bekämpfen zu können? Wird man dem Juden eine Herabsetzung christlicher Dogmen nicht ganz besonders anfmutzen, und wird man die Frivolität des Einzelnen nicht dem ganzen Kreise, dem er angehört, als eine Schuld in die Schuhe schieben? Wer seine eigene Religion herabsetzt, tragt die Verantwortung nur für sich, wer Andersgläubige in ihren Anschauungen verletzt, lädt dieselbe auch Anderen auf. Wer die Satzungen seiner Religion gcringschätzt, von dem ist es erklärlich, wenn er dieselben bekämpft, sei cs, daß dies sein eigenes Thun rechtfertigen soll, oder daß er sich mit der Einbildung schmeichele, als Reformer seinen Glaubensgenossen die Wohlthat seiner, wie er meint, glüübringendcn Errungenschaften zu Thcil werden zu lassen. Was hat aber ein Jude seine Bemerkungen darüber zu machen, »ob Protcstantn und Katholiken dieses oder jenes glauben? In der vorliegenden Broschüre bandelt eS sich tveder um eine wissenschaftliche Forschung, die dann auch nur die wissenschaftliche Fragt, nicht die