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Der Israelit · 1886-03-15 · Heft 21 (15.3.1886) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
27 (1886)
Issue
Heft 21 (15.3.1886)
Date
1886-03-15
Page
– (sequence 7)
Language
German
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I c st litten. ' ~ in. - ■•••/ Gegenwärtig ist Berlin die Haupt- und Rcfidcnzstadt des deutschen Kaisers, der Ungleich 5töurg von Preußen ffr. Zn den retzwerflossemn Jahrhunderten, bis 1866 , cmstamntten die deutschen Kaiser, mit wenigen Ausnahmen, dem Hanse Habsburg und hatten, als ^Herzoge von Oesterreich, ihren Sitz in Wien. Noch früher, da die Dynastien häufig wechselten, war bald diese, bald jene deutsche Stadt wie Goslar, Bamberg, Prag :c. des Kaisers Residenz. Vielfach hatten die zu Oberhäuptern des deutschen Reiches Erwählten gar keinen festen Wohnsitz, sondern sie verlegten ihr Hosiager dahin, wohin cs ihnen gerade paßte, von Augsburg nach Mrnberg, von da nach Regeusburg, nach Ulm, nach Worms, nach Mainz, nach Frankfurt und andern Städten. So war cs auch zur Zeit unserer Geschichte. Daniel war am Hose des Kaisers geblieben und begleitete ihn überallhin. Er war des Kaisers Rathgeber und besorgte für seinen Herrn allerlei Aufträge, deren er sich stets mit der größten Geschicklichkeit und Klugheit entledigte. Dieser hohe Vertrauensposten machte ihn nicht übermüthig. Er war zuvorkommend und bescheiden gegen Jedermann, namentlich gegen die Großen des Hofes,' und suchte Jedem zu dienen, wo er nur konnte. Jedes berechtigte Verlangen fand in chm beim Kaiser einen warmen Fürsprecher. Standhaft dagegen wies er alle Znmuthungen zurück, die chm nicht gerechtfertigt erschienen. Von Niemandem nahm er Geschenke, außer von der Gnade seines Herrn, und des Kaisers Majestät überhäufte ihn mit reichen Gaben. Täglich stieg er in der Gunst des erhabenen Herrschers, und dieser pflegte' zu sagen: „Gott hat mir au meinem Krönungstage zwei hohe Gaben verliehen, die Krone und meinen weisen Daniel." Bald verbreitete sich Daniels Ruf in ganz Deutschland, namentlich.unter seinen Glaubensge-. nassen. Wo ein großer oder kleiner Tyrann die unter seiner Herrschaft befindlichen Juden unterdrücken, berauben oder vertreiben wollte, da schickten fie Gesandte an das Hoflagcr des Kaisers, und Daniel brachte stets ihre Klagen vor des Kaisers Thron. Die Folge davon war, daß der mit der Kaiserlichen Acht bedrohte Fürst, Bischof, Graf, Abt, dritter oder regierende Bürgermeister die beabsichtigten Ungerechtigkeiten gegen die Inden unterlassen mußte. Jahre waren vergangen, und aus. dem Jüngling rvsr rin ^worden, der boros dachte, bdT erste Gehst allmächtigen Gottes Zn erfüllen und sich em Weib Zu nchmen. Zer den vielen Geschäften, hk Dame! für den Kaiser stets zn besorgen hatte, bei den zahllosen Beschwerden, die er für seine bedrängten Glaubensgenossen vor das Ohr des Kaisers zu bringen hatte, war ihm nicht Zeit geblieben, sich selbst ein Haus zu gründen oder in andern jüdischen Hausern zu verkehren. Der Kaiser hatte seit einigen Jahren sein Hoflagcr nach einer seiner Burgen verlegt in eine Gegend, wo in weitem Umkreise keine Juden wohnten. Da gedachte Daniel seines alten Oheims, des Bruders seiner Mutter, des Rabbi Elasar von Worms. Er beschloß, ihn zu besuchen und sich vondort ein Weib zu holen. Worms war zu sener Zeit einer der bedeutendsten, reichsten, größten undvornehmsten Städte des deutschen Reiches. In Worms blühte eine große jüdische Gemeinde, groß durch ihre Seelenzahl, groß durch ihre Wohlhabenheit, am größten aber durch die talmudische Gelehrsamkeit, die daselbst gepflegt wurde. Speier, Worms und Mainz find die ältesten jüdischen Gemeinden Deutschlands. Der Sage nach sollen sich schon vor der Zerstörung des heiligen Tempels Inden in Worms unter dem Schutze des berühmten Dynastengeschlechtes von Dahlberg angefiedelt haben. Soviel steht fest, daß schon in den ersten Jahrhunderten des Mittelalters viele Juden in Worms, das damals Germeifa hieß, wohnten, und unter ihnen viele, hochangesehene Talmudgelehrte. Die„EhachmeGermeisa," die Weisen von Worms, waren ebenso berühmt wie die „Chachme Magcnza," und die „Chachme Lothar," die Weisen von Mainz und die Weisen von Lothringen. Von den Letztgenannten einer, Rabbi Salomo Jizchaki (Rasch!) aus Troyes in Frankreich, hatte in Mainz zu den Füßen seiner großen Lehrer gesessen und spater in Worms ein Lehrhaus gegründet. Die von Raschi ausgeftreute Saat ging herrlich auf, und Worms blieb viele Jahrhunderte hindurch eine Haupt- und Muttcrstadt in Israel, eine Stadt voll weiser Männer und Schriftgelehrter. In der Zeit unsrer Erzählung stand die israelitische Gemeinde zu Worms in ihrer höchsten Blüthe, und an der Spitze der Gelehrten dieser Stadt stand Rabbi Elasar, der Oheim Daniels aus Gernsheim. Als zehnjähriger Knabe hatte Daniel kurz nach einander beide Eltern durch den Tod verloren. Sein Oheim hatte ihn darauf zu sich genommen und war ihkn ein zweiter Vater geworden; er hatte ihn mit seinem einzigen Sohne zusammen erzogen. Drei Jahre blieb Daniel in dem Hause des Bruders seiner

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