Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1886-03-11 · Heft 20 (11.3.1886) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
27 (1886)
Issue
Heft 20 (11.3.1886)
Date
1886-03-11
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2446951-2449600-2449621--23913-2513602
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

LXVN.ZshrZMZ. Erste Beilage zu Nr. 20 ües Israelit. AettsugssachriHLe» srrd CvrrefpsrrdeMZes. Deut f ch l a u d. Berlin, 4. März. Die zahlreichen Ausweisungen unserer russischen und galizischen Glaubensgenogm aus Preußen stehen noch immer im Vordergründe der Diskussion ^und werden zumal nach den unbegründeten Ängristen des Ministers gegen die Ausgewiesenen nicht so bald vom Tagcsreperroire vmchwinden. Wie sehr die Herren von der Regierung selber bemüht sind, die haltlosen Angrisse zu rechtfertigen und sich zu vertheidigen, bewies wieder eklatant die letzte, durch die Friedensrede des Fuldaers Bischofs berühmt gewordene Her r e nhaussitzung, der ich beizuwohncn das Vergnügen hatte. Da war es der ultrakonservative Herr von Kleist-Retzow, der in seiner Rede wiederholt auf die Ausweisungen der Juden zurückkehrte und die Regienmgsmaßregel als einen „Akt der NoLhwehr" zu rechtfertigen suchte. Gerade die galizischen und russischen Ueberläufer, welche sich nur vom Handel ernähren, hätten die östlichen Provinzen überschwemmt und die Zahl der jüdischen Bevölkerung in den größeren Städten bedeutend vermehrt. Zn Frankfurt a. M. fei jeder vierte Ausländer ein jüdischer Ueberläufer aus Rußland oder Galizien — so citirte der Redner nach Randow's statistischen Tabellen, wenn ich recht gehört — in Leipzig sei es jeder zweite bis dritte Ausländer, in Berlin sogar jeder zweite. Das Leben sei hier angenehm, die deutsche Cultur biete ihnen mehr Vorthcile und Wohlthatcn, aber, so argumenttrte Herr v. Kleist-Retzow frei nach Pharao, man müsse der Ueberfluthung dieser und anderer polnischen Elemente ein Halt.gebieten, denn bei einem Aufstande könnten sich diese Elemente um die polnische Fahne schaaren unddann würde Preußen in seinem Innern zahllosen Feinden gegenüberstehen! Dieser kuriose Ein--und Ausfall des konservativen Heißsporns dürste unsere Leier vielleicht weniger interessircn. Bezeichnend aber Wales, daß Herr v. Puttkamer keine vier Schritte von der Rednertribüne entfernt saß, und daß er cs nicht für angezeigt hielt, seine schweren von kompetenter Seite entkräfteten Beschuldigungen gegen die ansgewiesencn Israeliten zurückznnehmen, obwohl es sehr an der Zeit war und er sehr wohl die Entgegnnngkn des Herrn Dr. Riilf kannte. Der Herr Bttnister schaute mit gekreuzten Beiocu und dem bekarmten indifferenten Blick den Redner an, strich sich ohne Unterlaß seinen langen, weißen Bart und — schwieg. Nachdem so in allen drei gesetzgebenden Körperschaften des Reiches die Ausweisungen besprochen worden sind, ist cs nicht ganz unmöglich, daß bei der Berathung einer der Polenvorlage» der-Minister wegen seiner Charakteristik der ausgewiesenen Juden noch einmal interpellirt werden wird. Wie ich einem Briefe eines bekannten Landtagsabgmrdneren entnehme, wird es in der deutschfreisinnigen Fraktion lebhaft bedauert, daß vonkompetenter jüdischer Seite in den östlichen Provinzen nicht das umfassende stattstische Beweismaterial zur Zeit einem Mitgliede der Linken eingesandt wurde; der Redner der Fraktion, Abgeordneter Rickert, konnte dem Minister nichts erwiedern, da er nicht wußte, inwielveit die Angriffe desselben berechtigt warm; vielleicht wird sich nunmehr Gelegenheit finden, von dem Herrn Minister einen Beweis für seine Behauptungen zu fordern. Pose», im März. Auch hier hat sich ein Comite gebildet, das sich zur Aufgabe gestellt hat, jungen Handlungsbeflissenen solche Stellen nachzuweisen, wo sie nicht genöthigt sind, an Sabbaten und Festtagen zu arbeiten. Diesen Bestrebungen ist der beste Erfolg zu wünschen, denn cs - mußjeden Religiösdenkendm schmerzlich berühren, zu sehen, wie junge Leute aus religiöser Familie zum bkn rc» gleichsam hingedrängt werden und alsdann an ihnen das Wort sich erfüllt: paier n’ta bo. Leider ist der "raff bereits ein derartig chronisches Hebel geworden, daß man gmöthigt scheint, denselben als zu Recht bestehend anzuerkennen; wie dies aus den Statuten der israelitischen Synagogengemeinde (Adaß Jisroel) zu Berlin ersichtlich ist. Dieselben schließen von der Ausnahme als Mitglieder solche Personen aus, die a) die.nro nn» nicht beachten, b) in einer religionsgesetzlich verbotenen Ehe oder in einer ohne religiösen Trauungsakt vollzogenen bürgerlichen Ehe leben. Bon Personen, die tfomsa raff bbrv sind, indem sie am Sabbat offene Geschäfte betreiben, schweigt der Statuten Höflichkeit. . Warum? Gehört vielleicht rat? rnso nicht' zu den mn np’y? Ist sic nicht vielmehr wichtiger als mo nh:, da aus diese nur rro, auf jene ficht? Aber es ist dagegen leider nicht gut anzukämpfe»,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.