Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 27 (1886)
- Issue
- Heft 12 (11.2.1886)
- Date
- 1886-02-11
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XLVLZrchrALTZ. I 4- - ^ZerLesdes- NrLrkeL. . ' ' Aur Lage der KutLusZeamien in DeuLfHkkMd. Berliu, im Januar 1886. Der Feftjubel zum sunsundzwanzigjährigm Regierungsjublläum unseres glorreichen Herrschers, als König von Preußen, ruft ra uns die Erinnerung an hie Jubelfeier wach, welche vor nunmehr drei Jahren der erhabene Sohn dieses Fürsten begangen Hat. Am 25. Januar 1883 wurde im gesummten Vaterlande die Silberhochzeit unseres kronprinzlichen Paares gefeiert, und dieser Tag bezeichnet zugleich einen erfreulichen Wendepunkt Ln der Geschichte des israelitischen Gemeindelebens in Deutschland. An ihm wurde seitens des Deutsch-Israelitischen Gemeiudebundes jene Stiftung in's Leben gerufen, welcher die Huld des Jubelpaares den Namen „Friedrich-Wilhelm-Victoria-Stiftung" verliehen hat. Zum ersten Male geschah es, daß eine Stiftung, welche sich mit rein jüdischen Angelegenheiten zu beschäftigen hatte, den Namen eines Mitgliedes, des erlauchten Hohenzollerhauses führen durste, eine Thatsache, welche in unserer Zeit mit besonderer Genugtuung begrüßt werden muß. Der Zweck der Stiftung ist nach dem Statut: „die Selbstthätigkeit der jüdischen Gemeindebeaurten in Deutschland dahin anzuregen, zu befördern und zu unterstützen, daß durch geeignete Versicherungsuahmen einerseits den Beamten selbst für die Zeit der Dienstuntüchtigkeit resp. des vorgerückten Lebensalters eine Pension, andrerseits den Angehörigen der Beamten nach dem Tode des Famllienhauptes eine Subsistenz-Beihilfe gewährleistet werde." Um die Wichtigkeit dieser Bestimmung ganz zu verstehen, müssen wir einmal die Lage der Kultusbeamten in unseren Gemeinden -betrachten. Nach den neuesten Erhebungen, welche vom Bureau des D. I. G.-B. veranstaltet sind und uns bereits im Druck vorliegen, fungiren in den ungefähr 2500 jüdischen Gemeinden Deutschlands ca. 2200 Beamte. — Zweitausendfünshundert Gemeinden! Diese Zahl gibt zu denken. Da die Zahl der deutschen Juden eine halbe Million beträgt, so wäre die Durchschnittsseelenzahl für jede Gemeinde 200 oder 40 Familien. Berechnet man aber, daß die vier größten Gemeinden Berlin, Breslau, Hamburg, Frankfurt a. M. j cStxn über .100,000 Se^eu umfassen, so verringert sich diese Durchschutttsziffer sofort auf 160 Seelen oder 32 Familien. Erwägen wir ferner, daß wir au 50 Gemeinden haben, deren Seelenzahl sich Zwischen 1000 und 7000 bewegt, so wird sich bald die erschreckende Thaifache ergeben, .daß vierfünftel der sämmtlichen jüdischen Kulmsgemeinden in Deutschland numerisch so schwach sind, daß die Anstellung eines Beamten mit einer würdigen Doürung schiert zur Unmöglichkeit wird. Dennoch ist das religiöse Bedürsniß in der großen Anzahl dieser Duodezgememden ein so starkes, andrerseits auch die Sucht nach Autonomie eine so große, daß mit den unglaublichsten Opfern das Gehalt für einen Mann aufgebracht wird, welcher nun allerdings alle nur erdenklichen Fähigkeiten in sich vereinen soll. Er muß zugleich Lchrer, Cantor, Prediger, Schächter, Thoravorlefer, wohl gar noch Mohel sein, um dm an ihn gestellteu Anforderungen zu genügen. Hierfür bezieht er ein Einkommen, zuwellen von einer Winzigkeit, welche ihm das Loos eines Dorfschulmcffters beneidenswert erscheinen läßt. Uns ist ein Fall bekannt, wo solch ein Lehrer für seine Gesammtleistungen ein Gehalt von jährlich 72 Thalem emnimmt. Doch — wieschon gesagt — es ist dies keineswegs Geiz, sondern Armut der winzigen Gemeinden, die selbst unter diesen Ausgaben schon stark genug belastet werden. Wo soll nun eine solche Gemeinde noch die Mittel hernehmen, den Beamten zu pensioniren, wenn er alt, seine Familie zu erhalten, wenn er gestorben ist? Muß ja doch mit dem Augenblicke der Dienstunfähigkeit des einen Beamten schon ein anderer wieder angestellt werden! Bei alledem sind sich aber doch die betreffenden Vorstände ihrer moralischen Verpflichtung zur Pensionirung des invalide gewordenen Beamten so voll bewußt, daß sie es gar nicht dazu kommen lassen wollen, ihren Lehrer bis zur Dienstunfähigkett bei sich hungern zu lassen. Die Fälle, in welchen Lehrern bei eintretendem Alter einfach das Amt aufgekündigt wird, gehören leider nicht zu den Ausnahmen. Was Wunder, daß der Lehrer hierauf nicht wartet, und sich schon von dem Augenblicke an, wo er eine Stelle antritt, nach einer neuen umschaut? Was Wunder, daß hieraus eine Unseßhaftigkeit, eine Fluctuatiou innerhalb der jüdischen Leamlenwelt entsteht, welche schließlich die Gemeinden selbst am