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Der Israelit · 1886-02-01 · Heft 9 (1.2.1886) · page 7

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
27 (1886)
Issue
Heft 9 (1.2.1886)
Date
1886-02-01
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Ich furz üa Zs öervres, daß ich des ^tschcle" fortgeragt hmte; doch war ja zu erwarten, daß nnrbald ein Jude begegnete; mir bm foimrc ich Dich wenigstens verständigen. Ich wachte wohl hundert Schritt gegangen sein, als wir ein kränklich, doch sauber ausschender Mann von.etwa. 45 Zähren begegnete; obgleich er sich deutsch trug, glaubte ich doch beim Lichte der Straßenlaterne den jüdischen Typus zu erkenueu. Ich fmg rhu nach dem Weg; er antwortete wir deutsch, fast ohne Auklang an den polnisch-jüdisch« -Zargoa. - Gn Blick auf die ärmliche Kleidung vcranlaßte mich zu der Frage, ob er mein Führer sein wollt. Er blickte mich fast dankbar an. „Ja," sagte er ironisch, „das ist doch etwas, was ich fonn." „Sonderbare Antwort," entgegnete ich, „könnt Ihr denn sonst nichts?" „Nein!" „Doch wohl schreiben, lesen, rechnen?" „Nein!" „Aber doch hebräisch?" . „Nein und nochmals nein; ich kann nichts; garAichts!" Der Mensch ring an mich zu interefsiren, doch wollte ich'ihn dies nicht merken lassen. „Ich sehe," sagte ich in gleichgittigem Tone, „daß Ihr mir Eure LebensgeschichLe erzählen wollt; wie weit haben wir bis Niemcezki?" „Dreiviertelstunden." „Ich hoffe, in der Zeit werdet Ihr damit zu Ende gelangen. Erzählet!" „Herr! Ich habe keine Geschichte; mein Leben hat aufgehört Leben zu heißen, als ich sieben Jahre alt war." „So erzählt meinetwegen bis zu-Eurem siebten Jahre, und wenn es nur wäre, mir den Weg .zu verkürzen." „Wenn Ihr denn darauf besteht, Fremdling, so sn's; ich habe heute meine Stelle als Holzträger verloren, weil ich zu schwach dazu bin; ich bin in der Stiulmung! Habt Ihr jemals von dem Ukas des Kaisers Nikolaus gehört, die jüdischen Kinder gewaltsam wegzunehmen, um sie für das Heer zu erziehen?" . Ich nickte zustimmend. „Der Befehl betraf auch mich; ich war ein Ucincs Kind noch, aber jene Vorgänge haben mir mit eiserner Pflugschaar Furchen in die glatte stirne gezogen; ich werde sie niemals vergessen!" Die Gestalt des gebeugt« Marmes schim sich anfzurichtcu; sein Zuge flammte. „Wir wohnten auf einem Dorfe im Minsk« Gubern," führ er fort; „zu uns war kein bestimmtes Gerücht des grausamen Befchls gedrungen. Es war Abend; der Tater lernte, ich saß auf meiner Btutrer Schoß, als Soldaten an unsre Holzhütte pochten.. Die gut« Eltern mochten ahnen, was sie nicht -wußten. „öafiig erfaßte mich die Mutter und trng mich auf den Bodenraum; der Vater ging, den Ungestümen zu öffnen; es war mmöthig; die schwache Thüre war unter ihr« Kolbenschlägeu zusammmgefunk«. „Fremdling, wißt Zhr was eine Nagaika ist? „Du verneinst, Fremdling, Du bist so glücklich, verneinen zu können. ' „Ein Nagaika ist eine Knute; Du erbebst, Du hast wohl schon von ihr gehört, aber Du hast noch keine gesehen, und hast noch keine gefühlt und wirft auch hoffentlich eine so traurige Erfahrung niemals machen. „Oh, es ist nichts, als ein langer Ledernem«, der mit zwei Knoten versehen ist; vom tragt er eine kleine Metallspitze, so ungefähr wie die Zunge einer Schlange; nur etwas gekrümmt. Ein Hieb damit thut nicht viel; er reißt nur etwas Haut vom Rücken;' der hundertste aber geht schon auf die Knochen; fünfhundert hat bis jetzt kein Mensch ertragen." Der Ton, in dem der Mann dies sprach, erschütterte noch mehr als seine Stählung. „Bleib' bei Deiner Erzählung, Mann," stieß - ich hervor; „was geschah Deinem Vater?" „Nichts weiter, als daß er geknutet wurde, weil er nicht sagen wollte, wo ich mich befand. Wir hörten sein grauenerregendes Schmerzensgeheul; Gattin- und Kindesliebe kämpften in meiner Mutter; , sie war im Begriff, mich himmterzutrag«. Ach, hätte sie es doch gethanl" „Sie that es nicht?" . „Es ward plötzlich ganz still unten; nicht einmal ein Wimmern hörte man mehr, nur noch die Soldaten, die tobend das Haus durchsuchten; sie wußten nur zu gut, daß ich darinnen war." „Weiter, weiter!" „Nun, die Juden sind ja so feig; so stieg denn meine' feige Mutter, als die Soldaten die Speichertreppe hinausstlegen, mit mir auf das Dach und —" „Und?"

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