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Der Israelit · 1886-01-28 · Heft 8 (28.1.1886) · page 17

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Journal
Der Israelit
Volume
27 (1886)
Issue
Heft 8 (28.1.1886)
Date
1886-01-28
Page
– (sequence 17)
Language
German
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XX VLl-Jahrgang. Zwette BrÜllgr;« Nr. 8 örs Israetit. ZertrmgSrrschrichte» «nd Correfporrderrze». Deutschland. Aus Obcrfrauke», 20. Jan. Ein Ln Vieret a. M. bei Bamberg ansässiger israelitischer Handelsmann wurde letzten Samstag eingeladen, sich zu dem kathol. Pfarrer nach Trunstadt zu begeben. Dortielbsr wmde dem verblüfften Israeliten die überraschende Eröffnung gemacht, daß seine 22jährige Tochter bereits, seit zwei Jahren zum Christenthum ubcrgetreten sei; die Taufe soll, der jugendliche Kaplan von Vieret vollzogen haben. Der Handelsmann daraus dieses hin seine Tochter aus dem elterlichen Hause verstoßen. — Gestern rotteten sich in Vieret die Bewohner zusammen; es hatte sich das Genicht verbreitet, die getaufte Jüdin sei von ihrem Vater fortgebracht worden, der sie heimlich tödtcn (!) wolle. Ein Israelit, welcher die aufgeregte Menge beruhigen wollte, wurde mißhandelt, halb todtgeschlagen, dann wurden den Juden die Fenster eingcworfcn, und der Eine fakttsch gezwungen, seine Tochter, die sich in Erlangen bei Verwandten befand, telegravhisch zur Rückkehr aufzufordern. — So berichtet der „Nürnb. Anz", denr _ftrir die Verantwortung für die Mittheilung überlassen muffen. Frankfurt a. M., 21. Januar. Verflossenen Mittwoch Abend hielt im Verein für jüdische Geschichte und Literatur Herr Dr. Heinemann einen Vortrag über Shylock und Nathan. Das an sich schon besonders interessante Süjet erhielt noch eine erhöhte Würze durch die originelle, ^istreiche Auffassung, nach welcher Redner die beiden behandelten Charaktere einzeln darstellte und zu einander in Parallele brachte. Nachdem er zunächst die Handlung im „Kaufmann von Venedig", soweit Shylock dabei betheiligt ist, kurz geschildert hatte, erörterte er die Frage, welche Absicht Shakespeare bei der Zeichnung dieses Charakters geleitet habe. Daß Shakespeare Juden nicht aus eigener Anschauung gekannt hat, steht historisch fest, da ja dieselben zu seiner Zeit fast dreihundert Jahre aus England vertrieben waren, und wenn auch unter Elisabeth einige Maranncn dort Aufnahme gefunden hatten, so konnten doch diese unmöglich das Prototyp des Shylock gegeben haben. Shakespeare hatte den Stoff italienischen Novellen entnommen, von denen einige die Handlung uurgekehrt berichten, indem der Gläubiger ein Christ, der bedrängte Schuldner aber ein Jude ist; es ist indetz zweifelhaft, ob Shakespeare diese gekannt har. Man hat nun eine doppelte Auffassung von der Absicht, die der Dichter geführt hat. Einige haben in Shylock mir den Wucherer erblicken wollen, der nur zufällig ein Jude sei; ja einige sind so weit gegangen, anzunehmen, Shakespeare habe, dem Hasse des Pöbels Rechnung tragend, in Shylock eine lächerliche Figur zeichnen wollen. Dieser Auffassung steht indcß dieThatsache gegenüber, daß Shylock mit einer Wärme und Entschiedenheit, die ihre Einwirkung auf kein menschliches Gefühl verfehlen kann, auf all die Leiden binweist, die Israel erduldet und die Menschenrechte für Israel in Anspruch nimmt, ja, daß er in der großen Gerichtsscene gar aus dem Anwälte seines Volkes zum Anwälte der Menschheit wird und denen, die ihn zur Menschlichkeit mahnen wollen, die Aufforderung zuschlcudert, zuerst ihren Sklaven die Freiheit und ein menschenwürdiges Dasein zu geben. Auf der andern Seite darf man aber auch nicht soweit gehen, in Shylock n n r den Rächer seines Volkes zu erblicken, denn von diesen! Gesichtspunkte aus wären all' die häßlichen und abstoßenden Züge nicht zu erklären, die Shylock noch außer der Rachsucht uns zeigt, vor allen Dingen nicht, daß er in Antonio mehr noch den Störer seines Geschäfts als den Beleidiger seines Volkes haßt, und daß die Flucht seiner Tochter ihn nicht so betrübt, wie der Verlust der Diamanten, die sie ihm entführt. Redner entwickelt nun seine eigene Auffassung, nach welcher Shakespeare, der die Juden nicht aus eigener Anschauung kannte, sich ein Bild ihres Charakters entworfen habe, wie es sich seiner Ansicht .nach unter dem Ein- - fluß der äußeren Verhälttrisse gestalten mußte. Von der Außenwelt ganz und gar abgeschloffen, alles dessen beraubt, was Anderen das Leben zum Leben macht, nur ausgcstattet mit dem traurigen Privileg des Wuchers und durch die Gesetzgebung geradezu gezwungen, von demselben Gebrauch zu machen, mußten sie, so meinte Shakespeare, zu Shylockd werden, bei denen die Religion zu düsteren! Fanatismus entartet und selbst das Familienleben zu-

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