Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 27 (1886)
- Issue
- Heft 8 (28.1.1886)
- Date
- 1886-01-28
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2449600-2449609--23673-2513350- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Der Wagen hielt vor dem Hanse. Stimmen mid Schritte wurden Laut. Kornfeld wollte zur Thür «len, doch die Kräfte verfügten ihm, die Freunde nahmen ihn in die Mitte und wollten ihn pr Thür geleiten, als diese hastig aufgestoßeu wnrdeund Muard mit ausgebreiteten Armen auf den Battr zustürzte, der laut schluchzend an des SohoeS Brust sank. ^Vergib mir!" schluchzte er, „vergib!" Eduard suchte durch einen innigen Kuß den Mund ihm zu schließen und hob den vollständig Erschöpften mit seinen starken Armen mid trug ihn ans das Kanapee. Eben traten auch Frau Kornfeld und Elementare, gefolgt von Rosa und dem kleinen Fritz in das Zimmer. Clementine eilte zu dem Vater, drückte feine Häude an leine Lippen, nannte ihn ihren lieben, guten Papa, nach dem sie sich schon so lange gesehnt und suchte in ihrer heiteren Weise durch einige launige Einfälle das Auftegende des Momentes zu mildern. Kornfeld lag jetzt ruhig da, blickte mit dem Ausdruck unaussprechlichen Glückes bald auf seine Kinder, während eine helle Thräne langsam über seine Wange glitt — der A^t gebot jedoch sehr bald, daß sein Patient allein gelaffen werde, um ungestörter Ruhe pflegen zu können. Alle verließen das Zimmer, dis auf Rosa, die zu des Vaters Pflege bei demselben blieb. Frau Kornfeld in Mitten ihrer Kinder fand in übergroßer Wonne kaum ein Wort, sie drückte ihnen nur die Hände und flüsterte wieder, und. immer wieder „Gott sei Dank! Gott sei Dankt — für dieses große , große Glück! —" und dann schlang sie ihre Arme um Clementine, nannte sie ihre liebe, liebe Tochter und versicherte Eduard, daß sie selbst ihn nicht lieber hätte als seine Frau. Doch Eduard kannte seine Mutter, er fürchtete auch für sie nachtheilige Folgen allzu heftiger Erregung und wünschte, daß auch sie ruhen möge. Er erklärte, daß Clementine nach der anstrengenden Reise der Ruhe dringend bedürfe und daß sie sich daher in ihr eigenes Heim, das er selbst noch nicht einmal kannte, begeben wollten, um in den Vormittagstuüden des kommenden Tages die Eltern wieder zu besuchen. Beide umarmten die Mutter, versprachen nochmals, rechtzeitig wiederzukommen, bann hob Eduard seine junge Frau in den Wagen, der vor dem Hause auf sie gewartet hatte, setzte sich an ihre Seite, schlang seinen Arm um sie, während sie ihr Haupt an seine Schulter lehnte und ohne ein Wort mit einander zu wechseln, das Herz war beiden übervoll, fuhren sie dahin zu der ehemaLg» Killa -Kleefeld, die von nun au KorufÜd hieß. / Clewentine hatte ihren alte» Freund Steiohart dringend anfgefordert, noch am Abend hinans in die Villa p kommen, doch dieser hatte seinen Besuch für die Fröhftunden des folgenden TageS pgefagt. Auch Eduard wünschte sehmichst, ihn ga sprechen, bevor er die Eltern wieder anfsnchte. Es war am folgenden Morgen, in Clementinens Boudoir war der Frühstückstifch gedeckt, die Gatten nahmen den Morgenkaffee cm, als ein leichtes Klopfen an der Zimmerthür die Sche^rrden' der jungen Frau unterbrach. „Das ist unser lieber, guter Steinhart!" rief sie auffpringcnd, und eilte dem eben Eintretenden entgegen. Beide begrüßten ihn aufts Herzlichste, denn er war ein von beiden hochgeschätzter Freund. „Ich muß sehr um Entschuldigung .bitten, daß ich so zeitig störe, — aber" „Sie uns stören!" unterbrach ihn Clementtne, „lieber Herr Steinhart, was fällt Ihnen ein. Wir haben Sie zum Kaffee erwartet, sehen Sie, da steht schon eine Tasse für Sie bereit und nun setzen. Sie sich und erlauben Sie, daß ich Ihnen einschenke." Steinhart folgte der freundlichen Einladung und rasch entspann sich eine lebhafte Unterhaltung.' Clementine erkundigte sich vor Allem nach seiner Familie, namentlich nach ihrer kleinen Lehrerin, die sie noch im Lause des Tages bei sich zu scheu hoffte. Eduard lenkte jedoch sehr bald das Gespräch auf jenen Gegenstand, der ihm vor allem Andern am Herzen lag. Er ersuchte den-Freund, ihm aufrichtig und rückhaltlos Alles mitzutheilen, was man während seiner Abwesenheit über ihn und seine Familie gesprochen habe und wie man jetzt über ihn urtheile. Es ward Steinhart nicht leicht, dieser Bitte zu willfahren, doch er mußte zugestehen, daß es im Interesse des Heimgekehrten lag, in jeder Beziehung an fait zu sein; mit möglichster Schonung entsprach er schließlich der Aufforderung. Clemeutine entfernte sich, eine dringende Wirthschastsangelcgenheit vorschützend. So schonend sich Steinhart auch auszudrücken suchte, ihrem liebenden Herzen that es allzu weh, das hören zu müssen, was sie doch längst theils wußte, theils errathen hatte. Eduard hatte während Steinhard's Bericht, einen Arm auf den Tisch gestemmt, sein Haupt ruhte auf der Hand, mit der er die Augen beschattete. Als Steinhart geendet hatte, saßen beide mehrere Minuten schweigend einander gegenüber; dann ergriff Eduard des Andern Hand und drückte sie innig.