Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 27 (1886)
- Issue
- Heft 7 (25.1.1886)
- Date
- 1886-01-25
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Rabbiner, der Name der Stadt ist mir entfallen, erhalten, weiß man hier in Deutschland ebenfalls etwas „Besonderes" zu erzählen. Sein Name ist Schreiber: vor seiner Abreise war er in Bonn a. Rhein Rabbiner. Schon als Kandidat fand er. daß Bouillon, auch nicht koschere, recht gut schmecke. Von dauials an wurde er in Bekanntenkreisen nur noch der Bouillon-Schreiber genannt. Nichtsdestoweniger wurde er zum Rabbiner in Bonn gewählt. Man hielt es seiner damaligen Jugend — er war glaube ich 20 Jahre alt, als er in einer Bahnhofrenaurarion jene Bouillon „verübte".— zu Gute. Als aber später H. Schreiber einen Redakteur, der in seinem Blatte jener Bouillon-Afsaire Erwähnung that, gcrichttich zur Verantwortung ziehen wollte, gab er die „berühmte" Erklärung ab vor Gericht „nicht koschere Bouillon sei erlaubt." Das war denn doch etwas zu amerikanisch gedacht. Die vielen Gutachten, die über „koscher" und „nicht koscher" cingcholt wurden, haben das Gericht nicht überzeugen können von der gegentheiligcn Behauptung des Rabb.'s Schreiber. Seine Stellung war wohl erschüttert, aber er blieb; er wollte zeigen, daß ein Schreiber Muth habe, Allen zu ttotzen, nach Niemandem zu fragen und führte fortan einen solchen Lebenswandel, so augenfällig, so unverfroren, daß sich seine Gemeinde doch veranlaßt sah, ihm den guten Rath zu geben, nach Amerika zu gehen. Hoffentlich hat er sich dort gebessert. Daß man in Amerika, ohne zu prüfen und zu untersuchen weder nach wissenschaftlicher, noch moralischer und religiöser Befähigung, Rabbiner anftcllt, das zeitigt aber solche Erscheinungen, wie sie die Pittsburger Rabbiner-Konferenz wieder der amerikanischen jüdischen Welt vorgeführt. Von solchen Rabbinen ist cs daher nicht zu verwundern, wenn sie heute erklären, das Judenthum abznschaffen seien Gemeinden und Rabbiner nicht berufen, und anderen Tages für Abschaffung des positiven Judenthnms zu begeistern. Ob wohl den Juden Amerika's cs immer so gleichgiltig bleiben wird, was ihre Rabbincn mit ihnen und ihrem Glauben machen? — D. H. Sä nger. Berlin, 18. Januar. Am Freitag und Sonnabend wurde, wie der „Israelit" bereits wiederholt berichtet hat, im deutschen Reichstage über die Anträge der polnischen, deutschfreisinnigen, sozialdemokratischen und Eentrumspartei verhandelt, welche die Ausweisung der.russischen und österreichischen Staatsangehörigen aus Preußen als „unvereinbar mit der Humanität und den Interessen des Reiches" erklärten. Die Debatte endigte zwar mit der Annahme des Antrages der Eentrnmspartei, aber im Ucbrigen verlief sie insofern ohne positives Resultat, als die Regierung sich au den Verhandlungen nicht betheiligte. Es ist sehr zu bedauern, daß, während vou deu polnischen und ultramontaneu Abgeordneten auf das konfessionelle Motiv in der Ausweisung der Katholiken wiederholt hingewieseu wurde, kein Redner der Linken die Religion der ausgewiesene» Jsracltten zu betonen sich bewogen fühlte. Shxt beiläufig berührten dieses Moment die Abgeordneten Möller und Rickert. Der antisemitische Abgeordnete Freiherr v. Hamm erstein drückte sogar seine unverhohlene Freude über die Ausweisung * der polnischen und galizischen Juden aus. Hätte ja selbst Herr Ludwig Löwe in einer geheimen Sitzung der „Alliance Jsraelite" Ende ISS2 in Wien sich sehr ungünstig über den Kultmzustand seiner galizischen Glaubensgenossen ausgesprochen, und da wollte man die Ausweisung dieser Elemente tadeln? Der Abgeordnete Lowe erwiederte meiner persönlichen Bemerkung, daß Herr v. Hammerstein sich eines „Jrrthums" schuldig gemacht hätte, nicht die „Alliance Jsraelite" habe die damalige Sitzung veranstaltet, sondern eine Anzahl hervorragender Männer habe die Frage berathen, wie der Kulturzustand der galizischen Juden zu heben sei, die allerdings auf einer niederen Stufe ständen, als die Juden der „hochentwickelten" deutschen Nation. Die sonstigen Angriffe des Herrn v. Hammerstein zurückznwcisen, behalte er sich fiir eine andere Zeit vor. Als der Intimus des Herrn. Stöcker bemerkte, daß bei der Danziger Wahl für Herrn Rickert 42 nicht wahlberechtigte polnische Juden gestimmt.hätten, die später ausgewiesen wurden, rief der Abgeordnete Rickert unter dem lauten Beifall der Linken: „Das kann nur ein Antisemit sagen. Im klebrigen unterzog der Abgeordnete Bamberg er in glänzender Rede die Maßregeln der Regierung einer überaus scharfen Kritik und prorestirte gegen die Verletzung der Toleranz, Menschlichkeit und Humanität. Die Ausweisungen werden im preußischen Landtage noch einmal zur Sprache kommen, Herr v. Puttkammer wird dort Rede stehen müssen, aber alle Lamentationen werden den unglücklichen Ausgcwicsenen, unter denen sich 15°/u Israeliten (5000) befinden, nichts helfen. Und warum? „Wir können nicht und wollen nicht den schmachvollsten Grund glauben, der für die Ausweisungen angegeben wurde," so rief der Abgeordnete Rickert, „daß nämlich durch die Auswcisungsmaßregeln der Zuzug der Juden verhindert werden sollte. Es wäre eine armselige, erbärmliche Politik!" Ein Beifallssturm durchbrgnste bei diesen Worten das Haus, und — der Nest ist Schweigen.