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Der Israelit · 1886-01-21 · Heft 6 (21.1.1886) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
27 (1886)
Issue
Heft 6 (21.1.1886)
Date
1886-01-21
Page
– (sequence 7)
Language
German
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91 „Wiederholen Sie Ihre MitLheiluug," flüsterte der Lzt. Rosa gehorchte. Des Vaters Auge hastete an ihrem Munde; in seinem Angesicht zuckte es seltsam, plötzlich stieb er einen rmartikulirtcn Laut aus, ein Strom von Thränen entstürzte seinen Augen, er brach in ein heftiges konvulsivisches Schluchzen aus. Erschreckt schlang Rosa ihren Arm um ihn. „Nicht, Papa — nicht doch .— bitte lieber Papa, rege Dich nicht so auf!" Der Arzt winkte ihr beschwichtigend. „Latten Sie Ihren Papa, diese Thränen werden ihm Hoffentlich Erleichterung bringen." Sie aber lieb nicht nach mit ihren Bitten und Schmeichelwortcn; sie streichelte ihm die Thränen überstuthetcn Wangen, küßte ihm Stirn und Augen und wiederholte unablässig, wie glücklich ihr Bruder. Dann trat auch Frau Kornfeld schwankenden Schüttes an das Bett ihres Gatten, sie ergriff seine Hände und lächelte ihm zu. Er sah sie an mit einem Blicke, der ihr sein ganzes Herz enthüllte, in dem bittere Reue, tiefe Scham und Freude mit einander rangen. Sie neigte sich über ihn und druckte einen innigen Kuß aus seine Stirn. Jetzt erst stoffen seine Thränen sanfter und versiegten, bald. Die Augen waren ihm wieder zugesallen, seine Brust hob sich leicht und regelmäßig, er war entschlummert. „Hoffen wir das Beste," sprach der Arzt, nachdem er Iren Puls des Kranken nochmals unersucht hatte, „die steudige Mittheilung hat außerordentlich wohlthätig gewirkt." Er versprach, in einigen Stunden wieder zu kommen und empfahl sich. Rysa hatte ihren Arm wieder um die Mutter geschlungen und zog sie zum Fenster. „Wir haben Eduards Brief noch nicht zu Ende gelesen," flüsterte sie. Doch Frau Kornfeld hatte das Schreiben, dem auch Clementine in ihrer herzlichen Weise einige Zeilen hinzugefügt, bereits zu Ende gelesen, mit glücklichem Lächeln reichte sie es der Tochter. Rosa aber mußte in Wirklichkeit an sich halten, um nicht auf's Reue in lautem Jubel ausznbrechen. Eduard und Elementinc beabsichtigen zu kommen, gegen Ende des nächsten Monats durften sie sie erwarten. Das junge Mädchen glaubte, das Herz müsse Ihr zerspringen vor lauter Glück und Freude. Wenn das der Bater erfahren würde, würde er sicher sofort genesen. Plötzlich ward sie ernst. „Arme Adele!" flüsterte sie. „St!" mahnte die Mntter. Ter Kranke schlief ununterbrochen mehrere Stunden. Frau Kornfeld wich nicht von seinem Bette. Rosa besorgte die Wirtschaft und die Vorbereitungen zum Empfang des Sabbats, denn es war Frettag Rachmittag. Frau Kornfeld hatte Eduards Brief auf's Neue entfallet und las ihn wieder und immer wieder, ihre Thränen stoffen unaufhaltsam, aber es waren Helle Freudenthränen. Denn so inniges Mitgefühl sie auch mit dem leidende» Gatten empfand, die steudige Sttmmung über das Glück des Sohnes herrschte vor, all ihr Denken und Empfinden war ein Dankg-bet. Und auch auf die baldige Genesung des Gatten hoffte sie mit Zuversicht, der Arzt hatte sie in Aussicht gestellt und auch sie theilte Rosa's Uebe^eugung. Als es dämmerte, trat das junge Mädchen lauüosen Schrittes iu das Krankenzimmer; sie trug eine brennende Lampe und stellte diese so, daß der Lichtschein den Kranken nicht treffen konnte. „Es ist Zeit zum Anzünden," sprach sie leise, „ich habe den Tisch in dem anstoßenden Zimmer gedeckt, und wenn Du, liebe Mama, drinnen anzünden und beten wolltest, so bleibe ich indessen hier." Frau Kornfeld nickte zustimmend und begab, sich in das Nebenzimmer; der Kranke schlummerte noch einige Minuten, dann schlug er plötzlich die Augen auf und blickte wie suchend im Zimmer umher. „Wünschest Du etwas, lieber Papa?" stagte Rosa. - ' Kornfelds Lippen bewegten sich, doch er brachte keinen Laut hervor, abermals irrte sein Blick umher. „Suchst Du vielleicht Mama? — Mama hat drinnen angezündet und betet jetzt, wird aber sicherlich sehr bald kommen. Soll ich Dir vielleicht Eduards Brief nochmals vorlesen, Papa?" Er gab durch einen Wink seiner Augen seine Zustimmung und Rosa begann. Doch schon nach , den ersten Zeilen ward der Kranke unruhiger, ein Aechzen entrang sich seiner Brust, die Finger seiner linken Hand zuckten, als wollten sie nach irgend einem unsichtbaren Gegenstand greifen, seine rechte Hand, nahezu die ganze rechte Seite war gelähmt. „Wünschest Du etwas Papa?" stagte Rosa ängstlich besorgt. Mit sichtlicher Anstrengung hob der Kranke die linke Hand ein wenig und machte mit derselben die Bewegung des Schreibens. „Ja, so, schreiben niöchteft Du. — Verzeih' lieber Papa, aber ich kann Dir 'angenblkckitch das Schreibzeug »licht »nehr gebe»», es ist bereits Sabbat."

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