Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 100 (24.12.1885)
- Date
- 1885-12-24
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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1712 werden. Tic Sporteln, welche nun die Gerichtsbarkeit abwirst, gehört dann gleichfalls beiden Func-. tionärcu. Aber trotz dieser Sporteln und trotzdem, das; er doch auch von der Gemeinde ein Gehalt bezieht, ist das Einkommen des hiesigen Rabbiners so geringfügig, das; der gute Mann gezwungen ist, ilm nur sich und seine Familie anständig zu ernähren, nebstbei noch einen Juwclcnhandcl zu betreiben. Löse Zungen behaupten daher, daß, wenn unser Mulcy am Sabbat im Morgtngebete zu dem Verse x, snia D’-cmn. (Und sie, d. h. die Gotteslehrcu, sind beliebter als Gold und vieles Geschmeide) kommt, so glänzt immer eine Thräne in seinem Auge. Man wird es daher auch begreiflich finden, warum der Oberrabbiner der persischen Hauptstadt noch immer kein Gaon geworden ist; seine Amtspflichten und sein Geschäft nehmen ihn so sehr in Anspruch, daß ihm für das icth\ (Lernen und Lehren der Thora) fast gar keine Zeit übrig bleibt. Man rühmt ihm jedoch eine große Belesenheit im Sohar nach. — In der Stadt Hamadan haben die englischen Missionäre zwei armen Jünglingen der dortigen jüdischen Gemeinde, die sich nur kümmerlich ihr Brod verdienen, das Anerbieten gemacht, sic zu Malern heranbildcn und ihnen auch ein Atelier errichten zu lassen, wenn sie dafür ihren Glauben als Opfer bringen. Das Anerbieten wurde jedoch mit Entrüstung zurückgewiesen. — In Kcrman-Schah (das tü des Talmud) kam cs unlängst zu Streitigkeiten zwischen Juden und Persern, wobei der Gouverneur der Stadt für Erstere, die im Rechte waren, Partei ergriff und meheree von deren Gegnern verhaften ließ. Als Strafe dafür muß der Gouverneur jetzt den Dichterlingen des Ortes als Zielscheibe für ihren Spott dienen. — In meinen nächsten Briefen werde ich Näheres über die Judeugcmeindc in Teheran und über die in Hcsd, wo die Feueranbeter (pan, ®ucbcni) üjrcit Hauptsitz und ihren Obcrpriestcr haben, berichten. Feuilleton. Ein Kleines Beile-Aöenleuer in Kußkand. Herr R.» ein hochangesehcner jüdischer Kaufmann, fuhr mit der Eisenbahn von B. nach M. Es war Nachmittags, und als die Zeit des Minchah- Gebets herankam, stellte sich Herr R. vor das offene Fenster des Eisenbahnwagens und betete in heißer Andacht. — „Schließen Sie das Fenster," herrschte ihn ein junger Offizier an, „es zieht!" — Der Betende hörte den Zuruf nicht. — „Verfluchter Hebräer", schrie der Offizier, „wirst Du gleich das Fenster schließen, oder." In diesem Augenblicke hatte Herr R. sein Gebet vollendet und schloß das Fenster. „Das ist Dein Glück, Jude," schrie der Offizier, „sonst hätte ich Dich mit meinem Säbel durchgcfuchtelt." — Herr R. schwieg und setzte sich ruhig nieder. — „Diese Hebräer haben keine Spur von Ehrgefühl," sagte der Offizier laut. „Man kann sie nicht als Menschen anerkennen." — Nach einer Weile hielt der Zug, und der Conducteur meldete 15 Minuten Aufenthalt. Herr R. begab sich in das Stationshaus, um am Büffet ein Glas Thee zu nehmen. Bald kam der Divisionsgeneral von T., der mit demselben Zuge reiste. „Ah, mein lieber Herr 3t.," rief er, „welch' eine unerwartete Freude, Sie hier zu treffen!" Und er streckte ihm beide Hände entgegen. In diesem Augenblicke erschien der Lieutenant am Büffet. Er wurde schneeweiß, als er sah, wie familiär „der Hebräer" mit Seiner Excellenz verkehrte. Er zitterte am ganzen Leibe. Wie wird's ihm gehen, wenn der Hebräer dem ihm befreundeten General das Benehmen des Lieutenants schildert! — Es wird zum Einsteigen geläutet, und Herr R. hat seinen Platz wieder eingenommen. Da naht mit einer Armensündermiene der junge Offizier. — „Herr 9t.," sagte er, „verzeihen Sie mein ungezogenes Benehmen; ich kannte Sie nicht." — „Sie haben also nicht mich," entgegnete der Kaufmann, „sondern den Juden in mir beleidigt. Hätten Sie mich persönlich verletzt, ich würde das gern vergeben; allein, die meiner Religion, meinem Stamme angethane Schmach kann ich nicht ungestraft lassen." — „So werden Sie mich bei Seiner Excellenz verklagen?" — „Hören Sie, junger Herr, wenn Sie mir versprechen wollen, künftighin die Inden — nicht nur die reichen und angesehenen — sondern alle Juden als gleichberechtigte Mitmenschen anzuerkennen, so will ich Ihnen verzeihen." — „Sie sind ein edler Mann und lehren mich die Juden achten. Viele Ihrer Glaubensgenossen dienen in der Compagnie, der auch ich angehöre; ich verspreche Ihnen, sie nicht allein gut zu behandeln, sondern mich auch thätig, soweit es mir möglich sein wird, ihrer anzunehmen." — „Es gilt," sagte Herr R. und reichte dem Offizier die Hand, die dieser dankbar drückte. —