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Der Israelit · 1885-12-21 · Heft 99 (21.12.1885) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
26 (1885)
Issue
Heft 99 (21.12.1885)
Date
1885-12-21
Page
– (sequence 12)
Language
German
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1696 erhielten sic nach sehr schlechten lernte» Getreide zur Aussaat und zur eigenen Ernährung; im Jahre 1846 wurden ihnen Ochsen gewährt, weil die Rinderpest ihnen das Vieh wcggcrafft hatte; im Jahre I84>r und 1849, wiederum nach schlechtem Ernten, erhielten sie Korn zur eignen und zur Ernährung des Viehes, zugleich Getreide zur Wintersaat, außerdem Medicamente gegen die Viehseuche; im Jahre 1856 und 1857 gewährte die Regierung Winter- und Sommersaat, Brod zur Ernährung der Bauern und Winterfutter für das Vieh; im Jahre 1859 und l 8(j0 wieder K ornnntcrstützung für die Bauern und das Getreide zur Aussaat: im Jahre 1862, 1863 und 1861 geschieht das Gleiche; im Jahre 1869 gibt die Regierung Korn für die Bauern und Heu für das Vieh. Im Verlaufe von vierzig Jahren von 1833 bis 1873 befanden sich die Colonien vierzchnmal in kritischer Lage, und meist sind cs klimatische Verhältnisse oder Pest- und Viehseuchen, welche das Unheil heraufbeschwören. Dieselben Nothstände zeigten sich übrigens in allen Gouvernements des südrnssischen Steppcnplatcans; allerdings wohl nirgends so fühlbar wie in Cherson. Wie jede Sysyphnsarbcit, so wirkte auch die Fruchtlosigkeit alles Mähens und Ringens entmuthigend auf die jüdischen Bauern ein. Aber das wäre noch zn ertragen gewesen; die Hoffnung auf gute Ernten hätte die Menschen stets wieder ermuntert und eine gute Ernte eine Reihe schlechter Jahre in Vergessenheit gebracht. Ein anderer Umstand aber war cs, gegen den man vergeblich ankämpftc und der die Mißstimmung in helle Verzweiflung umwandelte. Tie Regierung hatte nämlich jeder Eolonie in der Person eines ausgedienten Garde - Uuterofsiciers einen besonderen Aufseher bestellt, der in der Eolonie die Ordnung zu erhalten hatte. Ein solcher Aufseher hatte von der Landwirtschaft nicht die blässeste Ahnung und war am Wirthschaftswagcn der Eolonie das fünfte, absolut überflüssige Rad. Der Aufseher mußte sich aber etwas zn thnn machen und füllte seine Zeit mit der schändlichsten Behandlung der Eolonisten aus. Statt dieselben, wie das Reglement vorschrieb, mit „milder Strenge" zn behandeln, gefielen die Aufseher sich darin, militärijche Zucht'einzuführen, die Tyrannen zn spielen und die Eolonisten ohne Unterschied des Alters und Geschlechts, mit und ohne Anlaß, mit der .Knute oder mit Ruthen zu prügeln. Es gab dagegen keine höhere Instanz, an welche appcllirt werden konnte; die unglücklichen Eolonisten waren auf Gnade und Ungnade den rohen Soldaten preisgegebcn. Es ist begreiflich, daß sich unter ihnen, wie unter allen Juden, die Furcht verbreitete, cs sei darauf abgesehen, sie zu Leibeigenen zu machen. Wer von ihnen fliehen tonute, der floh. Die empörenden Zustände in den Colonien nöthigten die Regierung schließlich, die Mklitärauffcher abzuberufen und durch Civilaufseher zu ersetzen. Diese waren nicht so roh, aber dafür Spitzbuben und mcistentheils die unverschämtesten Ausbeuter. Sie preßten die Eolonisten aus, so viel sie vermochten. Es kamen sogar zahlreiche Fälle vor, daß Eolonisten, welche sich nicht auspressen ließen, wegen „schlechter Aufführung" nach Sibirien verschickt wurden. Man kann sich denken, daß bei solcher Sachlage in den jüdischen Eolonisten zuletzt jede Arbeitsfreudigkeit schwand und allgemeiner Widerwille gegen die Eolonisation platzgriff. Selbst vom herrlichsten Klima begünstigt und unter den günstigsten Bodenverhältnissen wären Colonien bei solcher Wirthschaft nie zur Blüthe gelangt. Was den Colonien schließlich den Todesstoß gab, das war die von Nikolaus ausgesprochene Befreiung der jüdischen Eolonisten von der Wehrpflicht. Wer dem schrecklichen Militärdienste entfliehen konnte, that cs ohnehin schon. Hier bot sich nun ein gesetzlicher Weg, dem laugen brutalen Militärdienst zu entgehen; der Andrang zu den Colonien wurde geradezu massenhaft. Doch jetzt intervenirten die jüdischen Gemeinden, die durch die Flucht der kräftigsten Leute schwer geschädigt wurden, da sie für dieselben Ersatzmänner zu stellen hatten. DieColonien wurden in Folge von Denunciaiiouen von Militär abgesucht, man hieß dabei Alles, was militärtauglich war, Eolonisten und Eingewanderte, mitgehen, raubte den Colonien die Arbeiter und schädigte sic auf diese Weise auf's empfindlichste. Die jüdischen Gemeinden begannen schließlich die Colonien zu hasten, weil sie beständig die Jugend anzogen. Sie traten jeder neuen Eolonisation feindlich entgegen und die Folge war endlich ein völliger Rückgang der ganzen kolonisatorischen Bewegung. Darf man sich wundern, wenn das Siechthum in den Colonien dauernd sein- Ouartier aufschlug, wenn der Arbeitsmuth und die Arbeitsfreudigkeit rasch erstarben und wenn unter den Juden selbst der größte Abscheu gegen die Eolonisation erwachte!>An den jüdischen Eolonisten hat es wahrlich nicht gelegen, wenn die Dinge eine unglückliche Wendung nahmen. Freudig, muthvoll hatten die Juden sich dem schweren Berufe zugcwendet; es gehörte sicher ein gewisser Mnth dazu, besaßen sie doch kein Verständniß von der Landwirthschaft, hatten sie doch auch mit Rücksichtslosigkeiten seitens der Behörden und der Bevölkerung zu kämpfen. Sie ließen sich durch nichts beirren; das hehre Ziel einer geachteten gesellschaftlichen Lebensstellung vor Angen, war ihnen nichts

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