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Der Israelit · 1885-12-14 · Heft 97 (14.12.1885) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
26 (1885)
Issue
Heft 97 (14.12.1885)
Date
1885-12-14
Page
– (sequence 7)
Language
German
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1659 Die Expedition des erwähnten Blattes hatte er bald erreicht, doch von da hatte er noch einen tüchtigen Weg bis zur Waterstreet, und diese ganze lange Straße hatte er zu durchschreiten, bis er nahezu am Ende derselben in groben Lettern die Firma erblickte, die er suchte. „Richard Trefoil and brotlier.“ Er trat ein. In dem Comptoir des Großhandlnngshanses waren eine Anzahl Clercs an ihren Pulten eifrig mit Schreiben beschäftigt, in dem groben Raum vernahm man kein lautes Wort, nur das Kritzeln der über das Papier hingleitenden Federn. In einem anstobenden Zimmer befand sich der Leiter des Geschäftes, der greise Air. Jamesson. Seit dem Bestehen des Hauses, seit nahezu einem halben Jahrhundert, arbeitete Mr. Jamesson in demselben. Als kaum zwanzigjähriger Clerc war er in das neugcgründete Geschäft eingctreten, hatte es wachsen und blühen sehen und hatte sich mehr und mehr die Zuneigung und das Vertrauen des leitenden Chefs erworben. Als dieser, ein alter Junggeselle, das Zeitliche gesegnet, hatte dessen Bruder und Erbe die Leitung des Geschäftes dem ersten Buchhalter übertragen, der dieses Vertrauen im vollen Maße verdiente. Man kann sich keinen tüchtigeren, treueren und gewissenhafteren Geschäftsleiter denken als Mr. Jamesson es war. Aufrichtig beklagte er es, daß Arthur Trefoil so wenig Sinn hatte für das Geschäft, dessen alleiniger Inhaber er nunmehr war. Derselbe befaßte sich jedoch mit Vorliebe mit Börsen-Spekulationen, durch die er in wenigen Jahren ein geradezu fürstliches Vermögen gewonnen, das er jedoch in noch kurzer Zeit wiederum vergeudet, um bald darauf ein größeres zu gewinnen, mit dem er dann doch etwas haushälterischer wirthschaftete. Als er starb, hinterließ er seiner Wittwe mehrere Millionen, außer dem blühenden Geschäft in Water- Street. Mr. Jamesson hatte die mit der Morgenpost ekngelaufene Corrcspoudenz noch nicht erledigt, ein Haufen Briefe lag vor ihm, als einer der jungen Leute in das Zimmer trat, ihm mitzutheilen, daß ein junger Mann, der sich um den von ihm ausgeschriebenen Posten bewerben möchte, ihn zu sprechen wünsche. Mr. Jamesson zog die buschigen weißen Augenbraunen zusammen. „Sein Name?" fragte er kurz. „Mr. Steinhart", erwiederte der junge Mann. Mr. Jamesson schüttelte den Kopf. „Sagen Sie, der Posten wäre bereits vergeben." Der junge Mann wollte sich entfernen, als er zurückgerufen wurde. „Sagen Sie ihm nichts, führen Sie ihn herein." „Will mir den doch 'mal ansehen", brummte Mr. Jamesson, als er sich wieder allein befand. „Der Name stimmt zwar nicht, indessen. —" Er vertiefte sich wieder in seine Lektüre. Gleich darauf öffnete der eben erwähnte junge Mann abermals die Thür und ließ Eduard in das Zimmer treten. Dieser verneigte sich höflich grüßend, doch sein Gruß ward nicht erwidert, er schien nid)t bemerkt Word:» zu sein. Der Geschäftsführer hatte die Stirn in tiefe Falten gezogen, eine verdrießliche Angelegenheit schien ihn zu beschäftigen. Eduard wartete einige Minuten, dann suchte er durch ein bescheidenes Räuspern seine Gegewart zur Kenntniß zu bringen. Mr. Jamesson blickte auf, und als er des jungen Mannes ansichtig ward, änderte fidi plötzlich der Ausdruck seiner Züge. Er neigte leicht grüßend das Haupt; doch ohne ein Wort zu sprechen, schloß er seinen Pult auf, nahm ein Portefeuille heraus, öffnete es, blickte hinein und dann auf Eduard, schüttelte wie staunend den Kopf, betrachtete abermals sein geöffnetes Portefeuille und dann wiederum den jungen Mann, der nicht wußte, was er von diesem seltsamen Benehmen denken solle. Endlich fragte Mr. Jamesson: „Ihr Name, mein Herr?" „Steinhart", erwiderte Eduard. „Volle Firma, wenn ich bitten darf." „Eduard Steinhart." Ein halblautes Ah! entfuhr des Alten Lippen, seine Züge erhellten sich noch mehr. „Sie sind ein Deutscher, Mr. Steinhart?" „Zu dienen, mein Herr." „Wenn Ihre Physiognomie nicht trügt, sind Sie ein Norddeutscher." „Meine Physiognomie sagt die Wahrheit", entgegncte Eduard lächelnd. „So möchte ich wetten. Sie sind aus der Rheinprovinz." Eduard blickte ihn betroffen an. „Das sollte meine Physiognomie verrathen?" Mr. Jamesson rieb sich lachend die Hände. „Dem Phsiognomiker meines Schlages allerdings. Ich habe Sie doch nie gesehen und habe doch, wie Sie zugeben werden,Ihre Heimath errathen." Eduard murmelte einige zustimmende Worte, der Andere fuhr fort: „Daß Sie als geborener Deutscher der Corspondeuz in Ihrer Muttersprache mächtig sind, das unterliegt wohl keinem Zweifel, doch Sie müssen auch die französische Eorrespondenz führen."

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