Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1885-12-10 · Heft 96 (10.12.1885) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
26 (1885)
Issue
Heft 96 (10.12.1885)
Date
1885-12-10
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2449503-2449593--23372-2513045
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

6 entity mentions

XXVI. Jahrgang. Beilage jit Ar. 96 des Israelit. Leitender Artikel. i Literarischer Hiericht. , Moses Mendelssohn und seine Familie. Von Dr. Adolph Kohut. Dresden und Leipzig. E. Piersons Verlag 1886. (Mildem Portrait . von Moses Mendelssohn). Am 4. Januar nächsten Jahres ist ein Jahrhundert verflogen, seitdem Moses Mendelssohn von dieser Erde schied, und der als Schriftsteller rühmlichst bekannte Dr. Adolph Kohut hat durch die vorliegende Schrift dem berühmten Philosophen und Menschenfreunde zu dessen Sekularfcier ein ehrendes Denkmal setzen wollen. Unserer Meinung nach hat Herr Dr. K. dem von ihm so sehr gefeierten großen Manne euren schlechten Dienst erwiesen, indem er auch dessen Nachkommen, die nacheinander der Religion der Väter den Rücken gekehrt haben, in den Kreis seiner Besprechung zog. Moses Mendelssohn! Wenige Namen haben für das Judenthum der neueren "Zeit eine sülche Bedeutung wie dieser. Bekanntlich sprachen die Verehrer des Moses Maimonides ihre Verehrung für diesen großen Mann in dem Satze aus: Von Moses bis Moses keiner wie Moses. Mau wollte damit sagen, daß, von unserem großen Lehrer Moses bcn Amram au keiner eine solche Bedeutung für das Judenthum erlangt habe wie unser großer Lehrer Moses ben Maimon. Wenn schon dieses Witzwort nicht zutreffend ist, um wie viel weniger darf man den Verehrern Moses Mendelssohns zustimmen, die es auf ihren Heros anwendeten! Wir. sind weit davon entfernt, die Bedeutung des edlen Moses Mendelssohn zu unterschätzen. Die Vorsehung hatte ihn an die Grenze einer neuen Zeit gestellt. Die viele Jahrhunderte währende Unterdrückung und Verfolgung des jüdischen Stammes, die Ausschließung desselben von allen Menschenrechten hatte auch unter den Juden mancherlei Mißstände erzeugt, weniger in Bezug auf den inner» Kern als rücksichtlich der äußern Erscheinung. Die Juden hatten sich trotz der viele Jahrhunderte andauernden Knechtung die hohen Tugenden, die edlen Eigenschaften, das innige Familienleben der Väter bewahrt. Allein in vielen Aeußerlichkeiten prägte sich der Eindruck die langen Knechtschaft aus. Ihre Sprache war eine verdorbene, in welcher viele hebräische Worte mit deutschen Endungen in Gebrauche waren. Am cigenthümlichsten trat dieser Umstand beim Unterrichte, der Kinder in der heiligen Schrift zu Tage. Man übersetzte zum Beispiel: rrraan ns npj? m. „Un Esaw hat mewase gewesen die Vechaure." — Dadurch, daß Mendelssohn die Ucbcrsctznng der heiligen Schrift in ein reines Deutsch vcranlaßtc und einige Bücher derselben selbst übersetzte, hat er den Impuls zur Regencrirnng der deutschen Sprache bei den deutschen Juden gegeben. Die Uebertragung der Psalmen in eine wundervoll schöne poetische Sprache wäre allein schon geeignet gewesen, den Namen Mendelssohn unsterblich zu machen. Mendelssohn selbst lebte als streng frommer Jude und beobachtete die Vorschriften unserer heiligen Religion ans das Pünktlichste und Sorgfältigste. Aber die Männer, die sich seine Schüler nannten, wie Friedländer, Euchel, Satonow rc. gaben den Anstoß zu einer Richtung, die dem deutschen Judenthume große Gefahren brachte und an deren Nachwehen das deutsche Judenthum heute noch schwer krank darnicderliegt. Ja, es wurde diese Richtung zu einer Gefahr für das gesammte Jndenthnm, eine Gefahr, die jetzt noch nicht überwunden und deren schlimmen Folgen noch gar nicht abzusehen sind. Das; Mendelssohn diese Richtung begünstigte, davon erzählt uns die vorliegende Schrift ein interessantes Beispiel. Eine Pole Namens Abba, nach seinem Geburtsorte Glosk in der Nähe von Lublin, Abba Glosk genannt, war als sogenannter Aufgeklärter von seinen polnischen Glanbensgenossen verjagt worden und hatte seinen Aufenthalt in Berlin genommen. Da Abba Glosk ein „Freisinniger" war, wollten ihn die Vorsteher der Gemeinde in Berlin nicht dulden und erwirkten dessen Ausweisung. Abba suchte Schutz bei Mendelssohn. Dieser veranlasse die Wittwe Bernhard einen Schein zu unterschreiben, in welchem sie erklärte, Abba Glosk zum Lehrer des Talmud für ihre Kinder angenommen zu haben. In Folge dessen durfte Abba in Berlin bleiben. Die verderbliche Richtung, welche dieMendelssohnianer einschlugen, trat zunächst in den eigenen Kindern des Philosophen zu Tage. Seine älteste Tochter, Brendel, vermählt mit dem Vanquier Simon Veit, verließ ihren Gatten, um mit dem Dichter Friedrich Schlegel in wilder Ehe zu leben. Später trat sie zum Protestantismus über, erhielt in der Taufe den Namen Dorothea und heira-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.