Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 95 (7.12.1885)
- Date
- 1885-12-07
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1627 erfuhr ich zuerst durch die Dorfbuben, die mich Jüdin schimpften, in unserem Hause war nie davon die Rede. Aber ich erinnere mich, daß meine Mutter an jedem Freitag Abend zwei Kerzen anzündete und schön geflochtene Weißbrode auf den Tisch legte, worüber mein Vater zwar jedesmal lachte, sie sich jedoch trotzdem wohl schmecken ließ. Ich war im siebenten Jahre, als eines Tages — noch heute kenne ich die Veranlassung nicht — ein Haufe Bauern unter wildem Geschrei in unsere Wohnung drang — sie waren mit Heugabeln bemannet und mit Dreschflegeln, auch Sensen sah ich blinken. — Sie stießen und schlugen meine Eltern, plünderten und zerstörten, was ihnen in den Weg kam und als mein Vater sein Eigenthum vertheidigen wollte, hob einer unserer eigenen Leute die Holzaxt gegen ihn und spaltete ihm den Schädel. — Lautlos brach mein Vater zusannnen, jammernd warfen wir, meine Mutter und ich, uns über ihn, suchten das Blut zu stillen, das stromwcise aus der klaffenden Wunde schoß und den Themen zum zum Leben zu erwecken. — Doch es war umsonst. — Und während dessen schrien und johlten die wilden Menschen und setzten ihr Plündern fort. — Doch plötzlich fanden wir uns allein. — Gab es nichts mehr zu zerstörend — Da, mit einem Mal sah ich eine riesige Flamme über unser Haupt emporlodern, meine Mutter stieß einen gellenden Schrei ans, riß mich empor von der Leiche des Vaters und stürzte mit mir in's Freie. — Die Wütheriche hatten die Spiritusfäper in Brand gesteckt. — Vom Dorfe her schallte noch immer wüstes Lärmen und Toben, meine Mutter floh mit mir auf die Landstraße, wo wir die Mehrzahl der jüdischen Dorfbewohner trafen. Die Bauer» hatten gleichzeitig sämmtliche Judenhäuser überfallen; wer sich ihnen zur Wehr setzte, war niedergemacht worden, wie mein Vater; die Uebrigen hatten sich durch die Flucht gerettet, doch keiner mehr als das nackte Leben. — Es war ein furchtbarer Jammer, fünf wohlhabende Familien hatten im Dorfe gewohnt, achtzehn Bettler waren auf der Flucht. — Wir eilten, so rasch unsere Füße uns tragen konnten; ob jemand auf den Weg achtete, weiß ich nicht. — Die Nacht brach herein, wir befanden uns mitten auf der Landstraße. — Ich war todtmüde und hörte auch andere Kinder weinend erklären, sie könnten nicht weiter. Manche schrien auch nach Brod, ich empfand keinen Hunger — doch auch für die Hungrigen gab es kein Brod. — Es ward beschlossen, Rast zu machen. Ein hoher Eichenwald zog sich längs der Landstraße dahin; an dem Saum des Waldes ließen wir uns nieder, wo möglich zu schlafen, um beim ersten Morgengrauen unsere Flucht fortzusetzen. — Es war stockfinster, kein Stern erhellte den nächtlichen Himmel. Einige schlugen vor, von dürren Reisern ein Feuer onznzünden, doch die Andern wollten dieses nicht zugeben, man könnte nicht wissen, ob die Bauern uns nicht verfolgten, es wäre daher gewagt, durch den Feuerschein unfern Aufenthaltsort zu verrathcn. — Ich hatte den Kopf auf den Schoß meiner Mutter gelegt, die mich fest an sich zog und durch Liebkosungen und Schmeichelworte nur Trost zuzusprechen suchte. Ich hatte die Augen geschlossen nnd versuchte zu schlafen, weil meine Mutter dieses wünschte, damit ich am kommenden Morgen rüstig weiter schreiten könne. — Aber der Schlaf wollte sich nicht einstellen. — Plötzlich vernahm ich ein Geräusch. „Die Bauern kommen! Die Bauern kommen!" schrien Einige. Das Geräusch dauerte fort, schien näher zu kommen. „Die Bauern kommen! Die Bauern kommen!" Alles sprang auf und in sinnloser Eile flohen wir weiter, durch die stockfinstere Nacht, keiner sah den andern. ' Meine Mutter hielt mich fest an der Hand. Da, mit einem Mal strauchelte sie und fiel zu Boden, im Falle mich mit sich reißend. Ich sprang sofort wieder ans und bemühte mich, trotz der Dunkelheit, meiner Mntter beim Anfstehen behilflich zu sein. „Mutter! liebe Mutter, steh' doch auf!" Meine Mutter regte sich nicht. — Da vernahm ich aberinals das Geräusch. „Mutter!" rief ich verzweiflnngsvoll, „die Bauern kommen! steh auf! — o steh doch auf!" Aber meine Mutter regte sich nicht. — Ich umklamnierte sie, tastete nach ihrem Antlitze, da trafen spitzige Steine meine Hand, meine Mutter war mit dem Kopf ans einen Steinhaufen gefallen. — Ich streichelte sie nnd flehte unaufhörlich, sie möge aufstehen — sie regte sich nicht. — War sie vielleicht eingeschlafen? — Und wieder und wieder vernahm ich jenes seltsame Geräusch, und jetzt erkannte ich es deutlich, es waren nicht die Bauern, es war nur der Wind,