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Der Israelit · 1885-12-03 · Heft 94 (3.12.1885) · page 18

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Journal
Der Israelit
Volume
26 (1885)
Issue
Heft 94 (3.12.1885)
Date
1885-12-03
Page
– (sequence 18)
Language
German
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1614 ihn und sein Benehmen gegen die Inden seines Reiches zu Gericht zu sitzen. Der Heimgegangene Fürst, der schon in seiner zartesten Jugend einem Derwischorden in der den Moslims besonders heiligen Stadt Samarkand als wirkliches Mitglied bekgetreten war, und der bis zu seinem sechzehnten Lebensjahre einen streng asketischen Lebenswandel geführt hatte, betrachtete es stets ÄlZ.-rine der ersten Aufgaben eines moslemischen Fürsteil sein Land von allen Ungläubigen, seien dieselben Christen, Inden oder Heiden, zu säubern und in demselben nur Bekenner des Propheten zu dulden. Sein fanatischer Vater, der 1846 verstorbene Emir Said, war ihm hierin sogar als leuchtendes Beispiel vorangegangen; denn dieser hatte mittelst einer Mazbata (Verordnung) alle Christen, die nach Bokhara kamen, für vogelfrci erklärt und deren Ermordung nicht nur gestattet, sondern sogar noch als ein gottgefälliges Werk erklärt. Die wilden Bokharesen, deren Fanatismus ohnedies keine Grenzen kannte, ließen sich dies nicht zwei Mal sagen, sondern schlachteten jeden Christen, der ihr Land betrat, erbarmungslos ab. Dessen Kopf wurde dann dem Emir zugeschickt, der ihn auf einer hohen Stange vor dem Eingänge zu seinem Palafte aufpflanzen ließ. Den Juden in Bokhara erging es damals auch nicht viel besser, denn auch sie waren vogelfrei; sie durften jedoch nur in vier Fällen und zwar bei ertappten! Einbrüche, bei Brandstiftung, bei der Selbstvertheidkgung und dann bei Lästerung des Islam hingeschlachtet werden. Zwei Moslims mußten jedoch die Schuld des Getödtetcn als Zeugen bestätigen, worauf dann dessen Mörder gänzlich freigesprochen würde. Damals war es nun jedem Bokharesen möglich, so viele Juden abzuschlachten, als ihm beliebte; er brauchte ja nur zwei Zeugen für deren Schuld beizubringen und diese waren auch bald gefunden. Der Emir selbst hielt sich in Betreff der Juden an gar kein Gesetz gebunden nnd er verfügte ganz nach seinem Belieben über deren Leben und Vermögen. Kein Wunder also, daß auch dessen Sohn, der Kronprinz Muzzafer Eddin, keine besondere Rücksicht für die Inden kannte und dieselben stets als eine Art Citrone betrachtete, die man mit allen Kräften drücken dürfe, um ihnen den gewünschten Saft (Geld) auszupreffen. Er kam daher sogar einmal am Vorabende des Bairanifestes in das Judenviertel und ließ dort von seiner Begleitung zwei Juwelieren ihren ganzen Vorrath von Kostbarkeiten abnehmen, worauf er ihnen beim Weggehen mit den Spießen drohte, falls sie bei seinem Vater eine Klage wider ‘ ihn erheben sollten. Die Inden Bokharas sagten damas von ihrem Emir Said, er sei das pa&n nfci (erste Exil) und von seinem Sohne wieder, er sei das »jw n&i (zweite Exil). Noch in den ersten Jahren nach seiner Thronbesteigung behandelte MuMfar Eddin seine jüdischen Unterthaneu aufs Grausamste und. sehr oft ließ er diesen oder jenen Rabbi aus der Synagoge oder gar aus dem Kreise der Seinen reißen und in den finstern Kerker werfen, um so von den Juden für die Freigebung des Gefangenen ein großes Lösegeld zu erpressen. Weigerten sich die Juden das Lösegeld sogleich zu erlegen, so kamen die Häscher des Emirs ins Judenviertel und holten sich daselbe dort mit Gewalt. Sehr oft kamen die Häscher statt mit der erhofften großen Summe mit einer recht kleinen oder gar mit ganz leeren Händen in den Palast zurück — die Juden in Bokhara hielten damals ihre Neichthümer gewöhnlich vergraben —, dann wurde der arme Gefangene hingerichtet oder wenigstens geblendet, während die Vorsteher der Gemeinde die Bastonade erhielten oder die Stallungen des Emirs reinigen helfen mußten. Als jedoch die Russen in ihren siegreichen Kämpfen wider den Emir 1864, 1867 und 1874 demselben ein Stück Land nach dem andern abnahmen, so daß Bokhara schließlich auf den fünften Theil seines einstigen Umfanges reducirt war, da begann Muzzafar Eddin auch den Juden gegenüber andere Seiten aufzuziehen, da er fürchtete, die Russen könnten sich schließlich zu Beschützern der Juden in seinem Reiche aufwerfen, um sich so auch in dessen innere Angelegenheiten zu mengen und am Ende dasselbe gänzlich zu annectiren. Wenn er nun auch die Juden nicht ganz emancipirte, was übrigens bei den fanatischen Bokharesen auch gar nicht möglich gewesen wäre, so erließ er doch Gesetze, wodurch deren Leben und Vermögen besser geschützt waren. als früher. Freilich ist die Stellung der Juden in Bokhara noch heute keine glänzende, aber die der Christen dort ist ja auch nicht viel besser und noch heute wagen sich die russischen Kanfleute mit ihren Waaren nur dann erst nach Bokhara, wenn sie vom Emir die schriftliche Zusage seines Schutzes in Händen haben. Das Petersburger Cabinet hat oft Schritte beim Emir gemacht, damit er den Christen die Am siedelung in seiner Hauptstadt Bokhara gestatte, seine Antwort lautet jedoch dann gewöhnlich: »Eher würde ich es wagen, einen Christen in meinen Palast als in meine Hauptstadt aufzunehmen, denn meine Unterthaneu würden mich dann sogleich erdrosseln." Hoffen wir jedoch, daß die Eisenbahn-, welche die Russen jetzt vom Kaspisee nach Bokhara' bauen, das Licht der Aufklärung auch nach dieser Stadt bringen und so die Lage der Juden dort bedeutend verbessern wird.

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