Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 94 (3.12.1885)
- Date
- 1885-12-03
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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1610 Stadt Wien kam gleich bei der ersten Wachsweiches man die Linienwacht heißt, wurde ich gevisitirt nach bei mir habenden Gütern, ob solches nicht Contrebande sein sollte. Dieses geschehen passirte ich sonder mehr einige Aufenthalt; obwohl ich noch an 6 Wachen vorbei mußte, so wird man weiter nicht gefragt. Mein „Jnkommst" war in die Linie und sogleich in die Borstadt; diese heißt die Landstraße. Hier sieht man vorerst Prinz Eugenius sein Haus sammt dem Garten, ist Wunder um zu sehen, wie die 4 Thürme ans diesem Haus glänzen mit dem übergoldeten Werk. Drum muß man wissen, daß dieses Haus ist eines von den vornehmsten Werken der Stadt Wien. Weiter so kommt man in diese Vorstadt auf einen Kanonenschuß „Räumte", ich meine einen Platz, wo keine Gebäude oder einige Sachen stehen, sondern ein lediger Platz, dient zum Defendiren der Stadt in Zeit von Gegenwehr, welche Räumte sich rund um die Stadt zirkelt, so daß diese Stadt außer ihrer Stadtmauer rundum befreit ist mit solchem ledigen Platz, überall weit einen Kanonenschuß. Nach diesem kommt nian in die Fort von den äußersten Wall und Schanz. Diese durchgepassirt muß man über 3 tiefe Graben ihre Aufzugbrücken und mit gewaffnete Korporalschaften versehen und also kommt man an das letzte Thor von der Stadtmauer. Hier steht noch ein Soldat, seine Wacht zu halten auf dem Thor. Dieses alles gepassirt, sind wir in Wien, der kaiserlichen Residenz und finden sogleich von Allem so viele Raritäten, daß selbige einer leipziger Messe nicht ungleich sieht, so viel sind die Gassen mit allerhand Kaufmannschaften. Unter allenl ist hier in Wien sehr berühmt der Tändelmarkt, wo man Frauen sitzen sieht, die bei sich haben zu Kauf gar viel Perlen und Edelgesteine, welche öfters betragen ein Königsgut, Millionen an Geld. Die „Güttren" sind nicht von diesen bemeldeten Frauen eigenen Guttren, sondern werden an sie betraut von Fürsten und Grafen, die solches durch sie verkaufen lassen. Sonsten ist dieser Tandelmarkt so groß, daß ntati selbigen in einer Stunde nicht kann umgehen; besteht in alten Kleidern ganz viel, auch viel losen Rumelreien. Run will ich zum Ersten schreiben von der „Gelegenheit" (s. v. a. Lage) der Stadt Wien. Selbige ist umringt mit 7 großen Vorstädten. Die Namen sind mir durch Erfahrenheit auch wohlbekannt und heißen: I Die Leopoldusstadt, die Josephsstadt, die Karlstadt, | die Landstraße, die Lerchenfeld, die Laminkek, Die Wiesen, sind sieben, mitten in diesen liegt die Stadt Wien, rundum ganz und frei und frank, mit in sich habenden gar hohen Thurm, heißt der Stephelsturm (—Stefansturm). Dieser ist so hoch, daß unter Weilen bei trüben Wolken die Spitze von dem Thurme von den Wolken bedeckt wird. Man muß auch wissen, daß eine fremde reisende Person gar oft gefragt wird nach den Wahrzeichen von Wien, welches in Folgenden besteht. Nicht weit von diesem hohen Thnrme bei einem Kaufmann vor der Thür steht ein Stück Holz, an der Mauer mit Eisen fest gemacht. In diesem Holz findet man mehr als 1000 von eisernen Nägeln und heißt am Stock am Eisen. Ich habe öfters nach der Ursache von diesem Holz gefragt, habe ich verstanden, daß auf gemeldetem Holz, wo jetzund die Stadt Wien steht, vor Zeiten ein Wald gewesen, der abgehackt wurde, um solche Stadt zu bauen. So ist selbig Stück Holz zu einem Wahrzeicheu gestellt worden und ein jeder Fremde schlägt einen eisernen Nagel drein, soviel als er nachher sagen kann: ich bin zu Wien gewesen und habe auch am Stock am Eisen einen Nagel, und dient dieses für Wahrzeichen, daß er sei zu Wien gewesen. Die kaiserliche Burg, wo die ganze kaiserliche Familie residirt, diese Burg ist so groß, daß es wohl eine kleine Stadt mag heißen. Wenn man herein kommt, sieht man ein groß „Geschwärm" von Soldaten und alle Zeit in vollem Gewehr stehen. Die großen Herren und Damen, die man hier herumkreisen sieht, sind unzählbar; auch groß Rumor wegen der Reitwagen und Kutschen und Sänften. Ich bin in diese Burg hereingegangen und gar bis in die zweite Burg, wo der Kaiser selbst wohnt. Dort bin ich auf die Treppen heraufgegangen, wo von beiderseits 2 gar große alte Adler lebendig stunden. Ob solche ihren Posten von Schildwacht müssen wahr nehmen? Nach meinem Gutachten sind selbige hierzu abgerichtet und auch ist dem Kaiser sein Wappen von diesen Adlern. Dieses mag sein wie es will, ich laß hierbei bleiben und will weiter schreiben. Wie ich auf den Vorsaal kam, fand ich viel Mannschaft geharnischt, mit Hellebarten auf der Achsel versehen, welche vor einer Thüre Wacht hielten, worinnen der Kaiser war, mich aber von der Thüre abweiseten und mir hießen, durch andere Kammern zu geben. (Fortsetzung folgt.)