Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 94 (3.12.1885)
- Date
- 1885-12-03
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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XXVI. Jahrgang. Erste Beilage zu Nr. 94 des Israelit. Zeitungsnachrichten und Correspondenzeu. Deutschland. Berlin, 23. November. Die gestrige Sitzung der Repräsentanten der jüdischen Gemeinde nahm einen interessanten Verlauf. Zunächst kam das Unwesen,, welcher hier alljährlich zu den hohen Festtagen getrieben wird und s. Z. im „Israelit" eine drastische Schilderung erfuhr, zur Sprache. Es wurde beschlossen, noch mehrere größere Lokale, wie die „Philharmonie" bereits in diesem und vorigen Jahre, zu miethen, um den Mangel an Synagogen auszugleichen, sich eines würdigen Gottesdienstes zu versichern und dem Reclamenwesen in Berlin, das zu einem Skandal und Unfug ausgeartet ist, soweit die Privatspekulation auf die Abhaltung solcher Gottesdienste sich richtet, ein Ende zu machen. Es freut uns, daß die Anregung des „Israelit" auf fruchtbaren Boden gefallen ist; nur möchten wir der Synagogengemeindc rathen, das christkirchliche Orgelinstrument von den der Andacht geweihten Stätten fernzuhalten und für eine gute Predigt zu sorgen, wenn sie nicht will, daß diese Lokalitäten leer bleiben, wie im letzten Jahre die „Philharmonie" eine Lücke von 400 Plätzen aufzuweisen hatte. — Dann wurde ein Antrag, bei der Bestattung von Selbstmördern von besonderen festlichen Arrangements abzusehen und sie nur nach den Vorschriften und Gebräuchen des Glaubens zu beerdigen, von der Majorität der Versammlung abgelehnt. Es wurde betont, daß damit nicht die'Selbstmörder, sondern die Hinterbliebenen gestraft würden. Unter festlichen Arrangements hatte der Antragsteller den Ehorgesang und den unjüdischen Blumenschmuck verstanden, welcher bekanntlich den „stillen Ort" der hies. jüd. Synagengemeinde in einen botanischen Garten zu verwandeln beginnt. — Schließlich beschloß die Versammlung auf einen Antrag des Gemeindenvorstandes, den Todestag M ose s Men d e lsohn's (4. Januar 1886) würdig zu begehen. In den Berliner Synagogen soll, wie in den hiesigen jüdischen Schulen, eine öffentliche Gedächtnißfeier stattsinden. Ein Merkchen über das Leben und Wirken Mendelsohn's wird sämmtlichen Schülern und Schülerinnen der hiesigen jüdischen Schulen wie den jüdischen Schülern der Gymnasien, höheren Schulen und Commnnalschulen als Festgabe überreicht resp. zugestellt werden. Die Mittel hierzu gewährt die Gemeinde. Ebenso wird eine Deputation des Vorstandes und der Repräsentanten der Gedächtnißfeier in D e s s a u, dem Geburtsort Mendelsohn's beiwohnen. Berlin, 25. November. Im Westen unserer Stadt soll unter der Leitung des Herrn Dr. Apolant eine zweite R elig io ns schule gegründet worden. Als vor einigen Jahren in einer Vorwahlversammlung der jüd. Gemeinde der rühmlichst bekannte Pädagoge und Oberlehrer der Religronsschule der „israel. Gemeinde der Adaß-Jisroel" Herr Dr. D e u t s ch l ä n d e r, die Gründung von Religionsschulen in den verschiedenen Stadtthcilcn anstatt der Kuppelbauten auf Friedhöfen verlangte, wurde er allsgelacht und Justizrath Dr. Makower erwiederte, zu den Religkonsschulen habe die Gemeinde (die, nebenbei bemerkt, in den letzten drei Jahren einen Ueberschuß von 85900 Mark erzielte) kein Geld. Wir freuen lins, daß sich die Herren von ihreni Lachell erholt haben, und daß der Vorstand den Wunsch eines gesctzcstreuen Mitgliedes zu erfüllen sich veranlaßt fühlte. Berlin, 25. November. Vom 1. Januar ab soll an Stelle der verflossenen antisemitischen „Deutschen Volkszeitung" ein neues Hetzblatt erscheinen, genannt die „Deutsche Volks st im me". Der „urgermanische" Redakteur der antis. „Wahrheit", Hektar de Groussiliers, bittet um milde Beiträge. Es fehlen nur noch 20,000 Mark, und, wenn jeder Abonnent der „Wahrheit" 500 Mark leihen würde, so wäre das Kapital beisammen, meint der Germanenhäuptling. Nun, das Exempcl ist leicht: 500 in 20,000 macht 40, also die „Wahrheit" hat im „nationalen Lager" 40 ganze Abonnenten! Wer hätte das gedacht! Frankfurt a. M, 27. November. Verflossenen Mittwoch Abend hielt im Verein für jüdische Geschichte und Litera tu rHerr Dr. Hei ne mann aus dem Vortrage-Eyklus über die Juden in den Ländern des Islam de» zweiten Vortrag, über die „I u d e n im Kalifenreiche". Aus der großen Fülle des interessanten Stoffes, den Redner in seinem einstündkgen Vortrage vorführte, kann ich nur den kleinsten Theil im Rahmen eines Referates wiedergeben. In kurzen meisterhaften Zügen schilderte er die Geschichte der