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Der Israelit · 1885-11-23 · Heft 91 (23.11.1885) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
26 (1885)
Issue
Heft 91 (23.11.1885)
Date
1885-11-23
Page
– (sequence 7)
Language
German
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1555 man es, die Menschen zu kennen, ohne sie nach Namen und Wohnort zu fragen. Ein Anderer wäre jetzt in Verlegenheit, wie er den Herrn da in das Fremdenbuch cinschreibt, aber ich — sehen Sie dort im Hut seinen Namen, da hier auf der Wäsche de» Namen einer Firma in D... und dort auf dem Koffer den Namen einer andern Firma, ebenfalls in D..., ich schließe daraus, daß D... sein Wohnort ist. Und daß er ein Geschäftsmann ist, das unterliegt doch keinem Zweifel. Wie mir der Dienstmann sagte, der das Kofferchen hergetragen hat, so sind seine übrigen Effekten bereits am Bord des „Noland," der morgen nach New- Jork abgeht." „Er wird morgen schwerlich abreisen," sagte der Arzt. „Ah, willkommen, Frau Kohn'." wandte er sich an die eben Eintretende, „das ist schön, daß Sie so rasch bereit sind. Wir haben da einen Patienten, der der aufmerksamsten Pflege bedarf; darum weiß ich ihn am liebsten unter Ihren Händen." Die Angeredete, eine Frau, schon ziemlich weit in den Fünfzigern, verneigt: sich leicht. „Ich werde pünktlichst Alles besorgen, was der Herr Doktor anordnen." „Das weiß ich," erwiderte der Arzt, „und ich vermuthe, Sic werden in dem jungen Herrn einen Glaubensgenoffen entdecken, wenigstens glaubte ich vorhin hebräische Worte und Lieder, wie sie in der Synagoge gesungen werden, von ihm zu vernehmen. Doch nun wollen Sie Ihr Amt antreten. Die Eisumschläge müssen alle fünf Minuten gewechselt werden. Wenn das Eis zu Ende geht, oder wenn Sie sonst, irgend etwas wünschen, so drücken Sie dort an den Schellenknopf, und Herr Jean oder ein Anderer wird sofort hier sein. Allein lauen dürfen Sie den Kranken auf keine Minute, unter keiner Bedingung, das Fieber ist heftig und ist er daher unzurechnungsfähig. Wenn der Kranke zu trinken verlangt, geben Sie ihm Wasser oder Limonade." Frau Kohn versprach Alles auf's Genaueste zu vollführen und die Herren entfernten sich. Sie ließ sich am Kopfende des Bettes nieder und wechselte unablässig die kühlenden Tücher, die jedesmal dampfend von der Stirn des Leidenden kamen. Voll Theilnahme betrachtete sie sein jugendlich schönes Antlitz. Sie war so recht das Prototyp einer echt frommen Jüdin. Eine schwarze Tüllhaube mit gleichfarbiger Seide gefüttert, ging ihr bis zur Stirn, bis zu einem breiten, schwarzen Sammtband, das etwaige sich vordrängende Härchen vollends deckte. Ihre Kleidung war sehr einfach, doch von peinlichster Sauberkeit. Mit leichter, gewandter Hand wußte sie die kühlenden Conlpreffeu zu wechseln, wußte dem Leidenden hin und wieder auch einige kühlende Tropfen einzuflößcn. Sie hatte die Genugthuung, daß nach einigen Stunden das Fieber sichtlich abnahm, daß der Kranke ruhiger ward und gegen Morgen in einen anscheinend ruhigen Schlaf fiel. Trotzdem setzte sie ihre Pflege unaufhörlich fort. Am andern Morgen, noch bevor der Arzt erschien, trat der Wirth in das Krankenzimmer, um sich nach dem Befinden seines Gastes zu erkundigen, der so eben die Augen aufgeschlagen hatte. „Guten Morgen, Herr Steinhard," sagte er, i'.rdem er zu dem Bette trat. Verwundert blickte der Kranke zu ihm auf. „Sie staunen, daß ich Ihren Namen weiß?" fuhr der Wirth selbstgefällig fort. „Na, wie geht es Ihnen denn, Herr Steinhard? Fühlen Sie sich heute wohler?" Der Kranke erwiderte nichts, die Augen waren ihm wieder zugefallen. „Der junge Herr ist verwundert, daß ich ihn beim Namen nenne," erklärte der Hotelier der Wärterin, „er hat eben nicht daran gedacht, daß er seine Karte in dem Hut kleben hat." Bald darauf erschien der Arzt. Er fand den Patienten auffallend besser als am Abend, zwar noch sehr erschöpft, aber das Fieber hatte bedeutend abgenommen. Die Wärterin erstattete Bericht über den Verlauf der Nacht, der den Arzt sehr befriedigte; er sprach die Hoffnung aus, daß der Kranke nach einigen Stunden ruhigen Schlafes vollständig zu Bewußtsein kommen werde. „Aber allein darf er gegenwärtig noch nicht gelassen werden. Sie, Frau Kohn, bleiben bei ihm, möglicherweise könnte das Fieber wiederkehren und, in diesem Falle müßten die Eisumschläge wieder applicirt werden." Er versprach gegen Abend wieder zu kommen und entfernte sich. Frau Kohn war wiederum allein bei dem Kranken, den sie mit müttlicher Sorgfalt betrachtete und pflegte. Sie hatte einen Sohn in seinem Alter in weiter Ferne., jenseits des Oceans. — Wer würde ihn Pflegen, wenn er erkranken würde, gleich diesem jungen Manne, fern von der Heimath? — Sie fuhr sich mit dem Tuche über die Stirn und verdoppelte ihre Aufmerksamkeit für den Fremden, als könne sie hierdurch mit größerer Zuversicht hoffen, daß auch ihr. Sohn in der Fremde theilnehmende Menschen finden werde. Die Voraussagung des Arztes bestätigte sich. »

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