Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 90 (19.11.1885)
- Date
- 1885-11-19
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2449503-2449587--23257-2512924- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1544 dcr „Westfälischen Reform" in feiner Beziehung stehe und dieselben weder verfaßt, noch das Material dazu geliefert habe, daß er nicht nur nicht Antisemit sei, sondern sogar nicht einmal wiffe, was man unter Antisemitismus verstehe — noch ein ^Nachspiel entwickeln, zumal schon in jener Verhandlung selbst festgestellt wurde, daß er einer antisemitischen Vercinsvcriammlung nicht nur bcigewohnt hatte, sondern in derselben sogar als Mitglied des Vereins ausgenommen war; indes; kann hierdurch nicht gesühnt werden, was Rosenthal zu leiden gehabt hat. Dcr vorliegende Fall wirft ein eigcnthümliches Licht ans die Tendenzen des immer weiter um sich greifenden Antisemitismus, kann demselben aber sicher nicht zur Ehre und Hebung gereichen. Im Nebrigen zeigt es sich hier so recht wieder, von welcher Wichtigkeit es ist, in Strafsachen das Rechtsmittel der Berufung einzuführcn. Wäre die erste Verhandlung ohne den die Revision begründenden Formfehler geblieben, so stand ein Justizmord dcr krassesten Art in Aussicht! So ist es noch einmal gut gegangen. Rostock. Gegen Herrn Hofprediger Stöcker erläßt dcr Theologe Professor Dr. Baumgarten in der „Voss. Ztg." folgende Erklärung: „Da der Herr Hofprediger Stöcker nicht abläßt, sich seiner Wahrhaftigkeit zu rühmen, so will ich nicht anstehen, ihm eine Gelegenheit zu bieten, in welcher er die Tugend dcr Wahrhaftigkeit durch eine glänzende Probe bewähren kann. Herr Stöcker hat in der christlich-sozialen Versammlung am 27. Mai 1SS1 gesagt und in seinem Buch „Ehriftlich-Sozial" 1885, Seite 195 wiederholt: „Als Banmgarten in Rostock war, mußte er seine Professur niederlegen". Pastor Ziegler hat in der „Prot. Kirch.-Zeitung 1885, Nr. 82, nachgewiesen, daß die Behauptung des Herrn Stöcker eine mich schwer beleidigende Unwahrheit ist, und hat den Hofprcdiger anfgefordcrt, sich über dieses mir angethane Unrecht zu verantworten. Da nun aber Herr Stöcker dieser christlichen Aufforderung keine Folge geleistet hat, so ist es an mir, ein langes Schweigen zu brechen und hiermit zu erklären: Jener von Stöcker wiederholt veröffentlichte Satz ist eine öffentliche Fälschung eurer öffentlichen, seit 27 Jahren allgemein bekannten Thatsache. Nunmehr verlange ich im Interesse der öffentlichen Moral von Stöcker: ungesäumten öffentlichen Widerruf seiner Worte: als Baumgarten in Rostock war, muße er seine Professur niedcrlcgen. Rostock, 11. November 1885.. M. Banmgarten, Professor und Doktor der Theologie. R u m ä n i e n. Einer der jüngst ausgewicsenen rumänischen Inden, Dr. M. Gaster, hat an die „N. Fr. Pr." eine Zuschrift gerichtet, ans welcher ebenfalls hervorgeht, daß diese Ausweisungen mit einer Rücksichtslosigkeit ohne Gleichen von Seiten der rumänischen Regierung ausgcführt worden sind. Dr. Gaster ist in Rumänien im Jahre 1856 geboren und stammt von Eltern, deren Vorfahren sich seit Generationen im Lande befunden haben. Er selbst hat ein rumänisches Gymnasium besucht und ist mit einem Maturitätszeugnis; versehen, hat auf deutschen Universitäten stndirt, ist im Winter 1883 seiner Militärpflicht nachgekommen und hat eine große Anzahl Bücher geschrieben, deren wegen er vom Könige die Medaille „Bene Merenti“ erhalten hat. Außerdem hielt Dr. Gaster Vorlesungen an der Universität zu Bukarest, und war Mitglied einer Rcgierungskommission, des rumänischen Athenäums und der königl. Geogr. Gesellschaft. Sein Jndigenatsgesuch — von 250,000 Inden haben bisher nur 59 das Bürgerrecht erhalten! — war bereits vom Könige genehmigt, aber von der Kammer noch nicht angenommen. Dr. Gaster hat nie einen Artikel - für eine politische Zeitung geschrieben und ist lediglich bestrebt gewesen, das geistige Niveau seiner Glaubensgenossen zu heben. Trotzdem ist er wie ein Vagabund ansgewiescn, aber mit einem — rumänischen Passe! „I diesem einzigen Faktum", bemerkt treffend Dr. Gaster, „liegt die ganze Anomalie des Verhältnisses, in welchem sich die eingeborenen Juden Rnmänicns befinden. Sind wir Fremde, warum gibt man uns rumänische Pässe und schickt uns nicht lieber in unsere vermeintliche Heimath mit Pässen von dort versehen? Sind wir aber Einheimische, wie kann man uns dann ausweiscn und an andere Staaten die Znmuthung stellen, yusgewiesene Rumänen aufzunchmcn? Von imperativer Nothwendigkeit ist es daher, eie legale Stellung der eingeborenen, einer fremden Macht nicht unterworfenen Juden zu präzisircn, wie er seinerzeit vom Grafen Launay beim Berliner Kongresse verlangt wurde." N n ß l a n d. Warschan, 10. Rov. Die „Gazeta Handlowa" meldet aus Eharkow: Durch Regierungsverfügnng sind die dort ansässigen Inden aus der Stadt ansgewiesen und ist den dort zur Messe anwesenden Juden der Aufenthalt beschränkt worden. Zufolge dieser Maßnahmen herrscht Geschäftsflaue.