Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 90 (19.11.1885)
- Date
- 1885-11-19
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXVI. Jahrgang. Beilage zu Ur. 90 des Israelit. Leitender Artikel. Amerikanische Miefe. XX □ New-Nork, 27. Oktober. Wenn ich heute Eingangs meines Briefes nlich wieder mit dem amerikanischen Nabbinerthum beschäftige, so will ich dies nicht thnn, um zu polemisiren, sondern ich möchte lediglich eine Thatsache constatiren, die mir von einem Freunde zu Boston berichtet wurde. In der Stadt Boston thront nämlich eine bekannte Leuchte am Horizonte des amerikanischen Nefornrrabbinerthums, Schindler genannt. Besagter Herr war vor 8 Jahren in einer Sägemühle thätig, 40 Cents per Tag verdienend und hat es jetzt schon so weit gebracht, in Boston Rabbiner zu sein. An einem der letzten Sabbate hat er nun eine geharnischte Rede gegen den Glauben an mrc gehalten; ein Beweis, daß er den Sägestaub vollständig abgeschüttelt. Qb durch seine Leistungen das no!? in seinem Namen nicht überflüssig ist, möchte ich nur nebenbei betonen. In den Kreisen zweier großer, polnischer orthodoxer Gemeinden in der untern Stadt ist eine Bewegung im Gange, eine Fusion hcrbeiznführcn. Cs wäre zu 'wünschen, daß sich dieser Plan realisire, da dadurch die Bahn zu einer allmählichen Vereinigung der orthodoxen Gemeinden gebrochen würde. Welchen Gewinn dies für die hiesige Orthodoxie nach sich ziehen würde, bedarf keiner Betonung. Ganz besonders würde sich dieser Vorthcil beim Schulwesen zeigen, da die Gründung öffentlicher Schulen, wo neben dem jüdischen auch der Unterricht in profanen Gegenständen eine Stätte hätte, ein Hauptgedanke der Befürworter der Vereinigung ist. Die hiesige Schutzgescüschaft für die Einwanderer fängt an, ihre Thätigkeit zu entfalten. Herr I. Judelsohn hier, der in dieser Angelegenheit eine lobenswerthe Energie entwickelt, versendet das folgende Rundschreiben: 248 East Broadway, Ncw-Uork, 16. Oct. 1885. An das Eonntö zur Unterstützung der bedürftigen russ. und polnischen Glaubensgenossen in Königsberg, Pr. Herren Dr. Bamberger, A. Frcudenberg, Dr. Falkenheim, Aron Bloch, Sal. Feinberg, Gustav Moser, Laser Eichelbaum, tzsimon Eger. Hochgeehrte Glaubensgenossen! Ihren herzzerbrechenden Aufruf vom 3. vorigen Monats habe ich in dem „Philadelphia Jewish Record" vom 2. dieses Monats mit unendlicher Bctrübniß gelesen. Ich gebrauche das Wort „Betrübniß" nicht allein der Sache wegen, sondern, daß Sie erst so spät zur Einsicht gelangt sind, diesen armen Leute» helfen zu wollen. Die Sache selbst habe im Voraus geahnt und als Verhängnis; kommen sehen, da mein guter und vorsichtiger" Vater Jsaac Judelsohn schon vor 2 und */* Jahren tu einem Brief mich spcciell darauf aufmerksam machte, daß die deutsche Regierung sämmtliche polnischen und russischen Glaubensgenossen ohne jede Ursache ausweist. Ich lebte 11 Jahre mit meinen Eltern in Ihrer Stadt, (von 1869 bis 1879 incl.) und hatte in dieser Zeit Gelegenheit die dortigen Verhältnisse, in Bezug auf die dort ansässigen resp. zugegangenen russischen und polnischen Glaubensgenossen näher kennen zu lernen. Schon von frühester Jugend an intercssirte ich mich für das Wohlergehen, der armen, unterdrückten russischen und polnischen Glaubensgenossen, und beschäftigte mich stets der Gedanke, für ihr Wohl wirken zu können. Wie ich in dieses Land kam, (vor 6 und */* Jahren) suchte ich die Gelegenheit dazu und die fand ich in der hiesigen Hcbrew Emigrant Anxiliary Society, in. der man mich zum Ehrensekretär ernannte. In dieser Stellung konnte ich nicht allein meine früheren Erfahrungen verwerthen, sondern ich gewann immer mehr und mehr Einblick in Alles das, was mit dem Jmmigrationswescn und zum Schutze desselben gethan werden kann, und was dafür zu thnn ist, in seinem ganzen und dctaillirteu Zusammenhang. In Folge dessen, und in dem bestimmten Gefühl der Voraussicht, was kommen würde, und worin ich mich leider nicht täuschte, gründete ich die Schutzgefellschaften in Philadelphia und New- Nork, für die jüdische Immigration. Am 5. October vorigen Jahres gelang es mir in Philadelphia eine Schutzgesellschaft zu diesem Zweck zu gründen. Diese Gesellschaft hat im ersten Jahre ihrer Thätigkeit verhältnißmäßig viel geleistet und sich sehr verdient gemacht. Dieser Erfolg ermuthigte mich in der Stadt New-Nork meine Glaubensgenossen zu bewegen, dasselbe zu thun, und am 13. vorigen Monats brachte ich (trotz heftiger Opposition) die Gründung einer Organisation zu Stande, an deren Spitze bedeutende, hervorragende Männer stehen.