Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1885-11-16 · Heft 89 (16.11.1885) · page 12

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
26 (1885)
Issue
Heft 89 (16.11.1885)
Date
1885-11-16
Page
– (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/2446951-2449503-2449586--23236-2512902
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

1524 Halle mich der Soldat aus dem Gesicht bekommen, da er vor hatte, meinen Later zu verfolgen, aber auch vergebens, weil selbiger gleich mir in ein andere» Hans seine Flucht genommen. Der Soldat kehrte wieder in sein Wirthshaus, wir aber durch lange ansgeschickte Boten, ich nm meinen Later und selbiger wiederum nach mir, kommen wieder endlich zusammen. Mein Later hatte nur seine.Hand verwundet mit Halten und Krnmmbicgen des Degens. Sein Hut war voll „Kerben", aber zu Glück von seinem Kopf, nicht durch: ich hatte keine Wunden. Wir bedanktcil uns bei den Bauern wegen ihrer geleisteten Defension, aber sie verstanden uns nicht, weil Keiner Deutsch kann. Desthalb konnten wir auch nicht unterrichtet werden, nach ihrer ortsgebietcnden Obrigkeit zu fragen, nm solchen Schclmcn- Hcrbergcr und ftraßenräuberischen Soldaten zu verklagen, welches wir aber doch nicht uachliestcn und auf dem uächstgclcgcncn Dorf den Amtmann fanden und den Wirtlj sammt - den Soldaten anklagten. Darauf wurde der Wirth von dem Amtmann auf eine gewisse Summe Geld gestraft, weil er seine Gäste so traktiren lasst: dem Soldat aber konnte er nichts thnn, denn dieser mns; bei.Kriegsoffiziercu beklagt werden. Da wir aber auf solche „Exckuzic" nicht warten wollten, sind wir weiter unsere Reise zu beschleunigen gegangen und weiter gekommen zu der alten kaiserlichenMntterstadt Prag, Hauptstadt von ganz Böhmen. Diese Stadt ist gctheilt in sieben Städte, wovon mir 5 bekannt, nämlich: Hradschin, Kleiuseite, Altstadt, Neustadt und die Jndenstadt. Es flicsst mitten durch diese Stadt die Moldau, über welche in Prag eine wuudeibarc steinerne Brücke hcrübcrgeht, mit 24 Bogen und mit großen Bildern besetzt, worunter ein Bild mit vor sich habenden goldenen Buchstaben ein Lers aus Jesaia Kap. 6, Vers 3 'uas '-j mp mp mp.. Dieses in hebräischen grosten Quadratbnchstaben verursacht eine groste Meng Zusanunenlaufens von Volk, welche allhicr auf die Kuicc fallen und mit aller „Devozie" anbcten. Man findet, hier eine Menge von über 30.000 (?) Studenten, wegen der hohen Schule oder Universität, welche hier von Kaiser Karl IV. im Jahr 1370*) gestiftet wurde. Diese Studenten gebrauchen eine überaus gros; gewaltige Zeremonie und HerrschaftAiber die Juden, welchen diese unterworfen sind. Wenn z. B. ein Jude einem Studenten auf der Brücke begegnet, so must er ihm eine Münze geben, welche heißt ein Groschen. Weigert^ er sich dessen, so lässt ihn der Student nicht Passiren. Auch dürsten die Juden außer ihrer eigc- Anm. der Red.: Soll heiße» 1318. ncn Stadt nicht mit einem Halstuch gehen, sondern sic müssen einen Kragen tragen, wie bei ihnen gebräuchlich ist. Was der Jude» Wohnung anbelangt, so sind sie in etwa 20 Gassen beschlossen und mit einer Mauer umringt, welches die Judenstadt heißt. In dieser Stadt haben sie acht große Schulen mit Namen: Altncnschnl, Ncnschul, Klaus, N.Pinchasschnl, Mcisclschul, Zigcuncrschul, Großchofschul. Hochschul. Außerdem noch eine vor der Mauer in der Altstadt, heißt die Altschul. Wann sie zur gesetzten Beistunde wollen ihr „Vergötterung thnn machen (-Gottesdienst halten), so ruft einer durch alle Gassen zu Morgens: In der Schule, aber zu Abend ruft er: Pa tim S ko le. Man sieht in diesen Schulen gar schöne „Zieruug" von Marmorstein, auch geschnitzt Holzwerk, auch die schönste gcbordirre Werke, was man sein Dag gesehen mag habe:,', wie da besteht^ ein Parochcs; auch über das ein apart gebordirt <2tnck, welches man heißt Kapores. Hier hat mau die Kleider von den neo m*n mit Perlen gestickt und andern köstlichen Steiiicii gebordirt, welches eine hübsche Zierung macht. Sie haben auch in diesen Schulen gar berühmte Vorsänger, unter welchen ich einen fand als ihren berühmten Meister und durch ganz Europa bekannten Vorsänger, mit Namen R. Jccklc pn. Seine Stimme und „Geläut" ist da» von einem Löwen. Diese Vorsänger gebrauchen neben sich andere Musilsinger, auch Klappzimbcln und Phiolen alle Freitag bei Empfang des rar, mit welcher Musik« sie nicht allein bestimmen die Gesänge von dem sogenannten Lobgcsang, in hebräisch ’-n ro^, sondern auch^ nach Endigung Diese» spielen sie noch gar liebliche Stückchen', welche» ungefähr noch eine Stunde Zeit gewährt, je nachdem die Zeit früh ist. Es haben hier die Juden große Freiheiten in einem Theil Sachen, auch wiederum nnbesreit in andern Sachen. Besteht das Erste in einem Uhrwerk. Sic haben einen Thurm mit einer Glocke drauf, welches sie wegen einer gewissen Gerechtigkeit haben; steht mitten in der Gaffe auf der Inden Vcrgötterungshaus gleich einem RathhauS. Sie haben auch allerhand Nährnng und Handwerk frei; Schuster, Schneider, Barbiere (Zwicker) sind die meisten; sonsten allerhand Handwerk; in Goldbordiren kein Gleichen in der Welt. Auch haben sie kaiserliche Soldaten zum Schutz und Lchivexarcke in der Judengaffe. Das Jndenbcgräbnitz ist mitten in ihrer Stad!, nur einer besondere Mauer umzogen. Sie haben Grabstätte (auf hebräisch heißt es onup) ans Manier eines Kastens, von Marmorstein, welche von inwendig gemauert sind wie eine kleine Kammer Was die Unfreiheit allhier für die Juden betrifft /

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.