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Der Israelit · 1885-11-16 · Heft 89 (16.11.1885) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
26 (1885)
Issue
Heft 89 (16.11.1885)
Date
1885-11-16
Page
– (sequence 7)
Language
German
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1519 Zuneigung errungen. Daß der Sohn des Eommerzienrathes eine abweisende Antwort erhalten könne, erschien undenkbar. Frau Ehrmann hatte ihn in der That nicht abgewiesen, hatte, wie er erwartet, seinen Antrag mit der liebenswürdigsten Bereitwilligkeit cntgegengeuommc», selbstverständlich in der Voraussetzung, daß ihre Tochter einverstanden. Adele war jedoch während des Besuches des jungen Wallheim nicht zu Hause gewesen, zur Freude ihrer Mutter, die sehr wohl wußte, daß das junge Mädchen, sich selbst überlaffen, den glänzenden Antrag sofort zurückgewiesen hätte. Sie erbat daher für ihre Tochter eine Bedenkzeit von drei Tagen und hoffte mit Zuversicht, das; es ihr gelingen werde, sie in dieser Zeit umzustimmen. Bisher war Adele ihr zwar noch ganz entschieden widerstanden, aber sie hatte noch nahezu zwanzig Sttmden Zeit. Es hätte doch geradezu mit einem Wunder zugehen müssen, wenn es ihr bis dahin nicht gelungen wäre, das sonst so lenksame junge Mädchen ihrem Wunsche geneigt zu machen. Das eigentlich schwere Geschütz, wie sie es für sich nannte, wollte sie jedoch erst morgen, am entscheidenden Tage, in Anwendung bringen. Da wollte sie der Tochter die Alternative stellen: entweder sie, die Mutter, anfzugeben oder den steckbrieflich verfolgten Geliebten. An dem Familientisch in der Laube herrschte lebhafte Unterhaltung, heiteres Lachen schallte hinüber zu dem weinenden Mädchen, es schnitt ihr tief in das Herz. Frau Ehrmann saß im Kreise jener glücklichen Menschen, nahm regen Autheil an der Unterhaltung und lachte herzlich über die witzigen Einfälle des Hausherrn, der nie heiterer war, als Abends bei Tisch, wenn das Tageswerk beendet. Das Mittageffen mußte er oft in übergroßer Eile einnehmen, kanr nach zwölf Uhr nach Hause und mußte an den meisten Tagen vor 1 Uhr wieder fort; so blieben ihm zu dem trauten Verkehr mit seiner Familie nur die Abendstunden, die er ihr aber auch vollständig widmete. „Wo nehmen Sie nur den unverwüstlichen Humor her, Herr Steinhard?" ftagte Frau Ehrmann, indem sie die Thränen trocknete, die ihr überherzliches Lachen ihr entlockt. „Nicht aus dem Kopf, meine Gnädige," erwiderte Steinhard, „der fft nach zwölfstündigem Unterricht zu wüst und leer, als daß ihm auch nur ein gescheidter Einfall entspringen könnte." „Dein Humor kommt aus Deinem Hegen," sagte seine Frau, seine Hand innig drückend. „Entschuldige liebe Mama," fiel Bertha ein, „ich vermnthe, Papa's Humor kommt ans Deinem Herzen, denn während der ganzen Zeit, daß Du voriges Jahr in Pyrmont warst, hat Papa nicht einen einzigem Witz gemacht." „Wohl gesprochen, meine Tochter," sagte Steiuhard dem aumuthigen Kinde, das in seinem ganzen Wesen des Vaters vollkommenes Ebenbild war, gravitätisch die Hand schüttelnd, „Du hast in Wirklichkeit den Quell meines Humors entdeckt." „Der Apfel fällt nicht weit vom Baum," bemerkte Frau Ehrmann lächelnd. „Das Sprichwort trifft nicht immer zn," meinte der neunjährige Paul, „die schönen Borsdorfer Aepfel von dem Baum dort auf dem Hügel fallen gewöhnlich weit, oft bis 20 oder 30 Schritt weg." „Das kommt, weil der Baum hoch steht" erwiderte Frau Ehrmann, „übrigens habe ich das Sprichwort nur figürlich angewendet." „Das weiß ich wohl," entgegnete der Knabe bedächtig, „wir haben es auch erst neulich in der Schule erklären müssen, aber es gefällt mir nicht, denn bei den Menschen trifft es nicht immer zu." „Immer vielleicht nicht, aber doch sehr gewöhnlich. Bei Euch allen z. B. trifft es vollständig zu. Du und Deine Schwester Emma, Ihr sehet Eurer lieben Mama ähnlich und habt auch beide ihr sanftes bedächtiges Wesen, während Bertha, Hugo und Richard in jeder Beziehung Eurem Papa gleichen." Sämmtliche Kinder blickten einander und ihren Eltern in die fröhlichen Gesichter, und alle lachten laut. „Aber bei Ihnen, Frau Ehrmann, und bei Fräulein Adele trifft das Sprichwort gar nicht zn," sagte der hartnäckige Paul, „Fräulein Adele . . ." „Paul," fiel die Mutter ein, die eine Tacktlosigkeit des Knaben befürchtete, „wohin hast Du den Brief gelegt, der vorhin gekommen ist?" „Auf Papa's Schreibtisch. Soll ich ihn holen?" „Ja wohl, mein Kind." Der Knabe sprang davon. Frau Ehrmaun blickte ihm lächelnd nach. „Ein gescheidtes Kerlchen, der Paul, muß mir doch noch einmal von ihm erklären lassen, was er eingentlich hat sagen wollen." „Das wird er schon vergessen haben, wenn er zurückkommt," sagte Frau Stcluhard, und als Paul gleich darauf mit dem Briefe gerannt kam, blickte sie ihn bedeutsam an. Der gescheidte Knabe erröthete, verlegen lächelnd, er hatte die Mutter verstanden. Steinhard hatte indessen den Brief entfaltet und las:

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