Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 87 (9.11.1885)
- Date
- 1885-11-09
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXVI. Jahrgang. Berlage jtt Nr. 87 des Israelit. Leitender Artikel. Der Unterricht im Schreiben nnd Lesen der jüdisch-deutschen Currentschrift. Don Lehrer Isaac Herzberg in Aerze». I. Während alle andere Disciplincn unserer Rcliglonsschnle sowohl in Lehrerversammlungen, als auch in Zeitschriften stets eine eingehende Besprechung gesunden haben und auch noch finden, ist es der Unterricht im Schreiben und Lesen der jüdisch-deutschen Eurrentschrift, dem fast gar keine Berücksichtigung geschenkt wird. Für alle übrigen Unterrichtsgegenstäude hat man behufs Erzielung der möglichst besten Erfolge, die geeignetsten Methoden zu finden gesucht, für den Unterricht in der jüdisch-deutschen Eurrentschrift ist bisher nach dieser Richtung hin noch viel zu wenig geschehen. Und doch verdient dieser llnterrichtszweig nicht weniger, als alle anderen, mit denen unsere Religionsschulc zu rechnen hat, eine größere Berücksichtigung. Abgesehen davon, daß es Pflicht und Aufgabe unserer Religionsschule ist, dahin mit den ihr zu Gebote stehenden Mitteln zu wirken nnd mit ihren Kräften dazu beizlitragen, daß die Schrift, die uns gewissermaßen auch als ein Erbstück unserer Vorfahren überkommen ist, und uns daher thcuer fein muß, auch Eigeuthum.der Heranwachsenden Generation werde und nicht der Vergessenheit anheimfalle, hat die Äeuutniß jener altehrwürdigen Schriftzüge nach verschiedenen Seiten hin ihren nicht zu unterschätzenden Nutzen. Wie oft hegt man lischt bcu Wunsch, den Inhalt irgend eines Schriftstückes, sei es ein Brief, sei es ein Document, von der Hand irgend eines msserer Voreltern, denen die deutsche Currentschrift zumeist noch völlig unbekannt gewesen ist, in jüdischdeutscher Currentschrift niedergelegt, kennen zu lernen. Wie oft treten wir nicht in entern alten, ererbten Andachtsbuche eine von der Hand irgend eines unserer Ahnen niedergeschricbene Bemerkung an, die uns über ein bedeutungsvolles Familicncreiguiß, über einen Geöurts-, Trauungs- oder auch Sterbetag Aufschluß geben kann und soll, und die für uns ein nulSsbares Räthsel bleiben würde, so uns die Kemrtuiß der jüdisch-deutschen Eurrentschrift abginge. Wir erhalten nicht selten eine Postkarte oder gar einen Brief mit jüdisch-deutschen Schriftzügen, die zu entziffern uns unmöglich wäre, so wir jene Schrift nicht kennen würden. Auch gestattet uns dieselbe sehr oft eine offene Eorrespondenz. Ueberhanpt würden uns manche Verlegenheiten erspart bleiben, wenn wir Uebung im Schreiben und Lesen der jüdisch-deutschen Eurrentschrift besäßen. Da diese angeführten Vortheile, die eine Kenntniß der jüdisch-deutschen Eurrentschrift uns bietet, llicht gering angeschlagen werden dürfen, ist es um so mehr befremdend, daß derselben eine so ungenügende Beachtung zngewendet, nnd sie in immer geringerem Maße zur Anwendung gebracht wird. Gar Manchem sind diese Schriftznge in Wahrheit Hieroglyphen. Den Hauptgrund dieser so sehr verringerten Anwendung der jüdisch-deutschen Eurrentschrift seitens der gegenwärtigen Generation haben wir in der ungenügenden Beachtung dieser Schrift seitens unserer Schule zu suchen. Würde diese letztere mehr Sorgfalt auf die Ausbildung kn jener Fertigkeit verwenden, wäre das Interesse für dieselbe ein um so größeres, das der Schüler mit in's Leben hinübcrnehmcn nnd es da bei kommender Gelegenheit bethätigen würde. Während nur eine Fertigkeit, die wir ganz beherrschen nnd völlig unser Eigen geworden ist, unser Interesse dauernd fesseln wird und kann, wird dieses Interesse schwinden, wenn jene Fertigkeit mir stückweise und lückenhaft uns geworden und eine ungenügende Anregung wir gefunden haben. Unsere Schule hat somit die Ansgabe, diese Liebe nnd dieses Interesse für jene Fertigkeit zu wecken und rege zu erhalten, auf daß der Schüler auch dann noch, wenn er längst der Schule entwachsen und ihm jegliche Anregung seitens des Lehrers fehlt, gern und freudig dieser alten, zierlichen Schriftzeichen sich bedient nnd einen gewissen Stolz darin setzt, nicht minder, als seine Vorfahren, einen jüdisch-deutschen Brief oder anderen Schriftsatz nach allen für diese Schrift geltenden Regeln niederschreiben zu können. — Nicht mit Unrecht wird man hiergegen den Einwand erheben: Woher soll unsere Neligionsschule die zur Lösung dieser Aufgabe erforderliche Zeit nehmen? Hat sie doch noch wichtigere Unterrichtsgegenftände, denen sie die ihr so kärglich zuge'.nessene