Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 86 (5.11.1885)
- Date
- 1885-11-05
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2449503-2449583--23176-2512839- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
1475 flöten verhandelt, von welchen, wie wir glauben, sie zum Papst zu bringen ist. „Daher flehen wir, obgleich wir uns bemühen allein durch Gehorsam und Unterwürfigkeit, welche in uns sind, uns einer so grasten Barmherzigkeit würdig zu zeigen, zu Gott dem Allgütigen und Allmächtigen, welcher sich gegen die Wohlthätcr als der Wohlthätigste immer erwies, das; er Dir den gebührenden Lohn reichlich gebe. Deine ergebensten Diener Die Vertreter der Inden." Wien, M. Cct. Ein 28jähriges Mädchen von dunklem Teint und nicht schönen, aber sympatischen Zügen, Zipora Brünn, befand sich heute unter der Anklage der Kindesweglegung vor Gericht. Sie lebte bis vor Kurzem in Berlin, wo sic ein Verhältnis mit dem Schneider Ruhm hatte. Ruhm war einer der Ersten unter den Personen, welche jüngst aus Berlin ausgewiescu wurden. Er war cm Russe, konnte aber in seine Heimath nicht zurück, weil er von dort politischer Ursachen wegen hatte flüchten müssen. Er zog nun mit seiner Geliebten, die sich im Zustande der Hoffnung befand, nach Wien. Am 12. Juli gebar das Mädchen ein Kind. Ruhm, der in Berlin dauernde Beschäftigung hatte, konnte hier nirgends Arbeit finden, und Beide waren dem größten Elende prcisgegcbeu. Am 1. Oktober, als Zipora Brunn weder für sich noch das Kind mehr Nahrung hatte, hüllte sic das Kind sorgfältig ein und legte es unter das Thor des Hanfes Nr. 17 in der Alserbachftraße. Schon nach drei Minuten wurde dasselbe von dem Hausmcifterssohnc Karl Wcngclbaucr aufgefunden und befindet sich nun in magistratischer Pflege. Unter Thränen legte die unglückliche Mutter heute ein Geständnis; ab. Sie gab an, daß sic nur durch die größte Nothlage zu diesem Schritte gedrängt wurde. Sie habe das Kind nur zwei Schritte von der Hansmeisterwohnung gelegt und gegenüber gewartet, bis dasselbe gefunden wurde, damit ihm nur kein Unfall znstoße. Als ihr Geliebter aus Berlin ausgewiescu wurde, sei die dortige israelitische Eultusgemeinde ihnen zur Reise nach Wien behilflich gewesen. Hier habe Ruhm so wenig Erwerb gefunden, daß sie nicht mehr gemeinsam wohnen konnten, und das Kind sei abwechselnd bei ihr und seinem Vater gewesen. Staatsanwaltschafts-Snbstitnt Dr. Frkmmcl führte unter Anderm ans, daß ein unwiderstehlicher Zwang zum Begehen der That umsoweniger vorliegen könne, als Wien genug Hnmanitatsanftalten besitze, an die sich die Angeklagte hätte wenden können. Obwohl dem Kinde keine unmittelbare Gefahr drohte, hätte immerhin ein Zufall, ein Betrunkener oder ein scheues Thier demselben Unheil bringen können. Der Gerichtshof (Vorsitzender Landcsgerichtsrath Schcitz) sprach die Angeklagte frei, mit der Begründung, daß eine Gefahr für das Kind ausgeschlossen war; da die Mutter in der Nähe harrte. Die Angeklagte habe nur das Lebensschicksal, nicht aber des Kindes Rettung einem Zufalle preisgcgeben. Der Staatsanwalt meldete die Nichtigkeits-Beschwerde au, wetzhalb die Angeklagte in Haft bleibt. Wien. Unter der Ucbcrschrift „Pabst und Synagogcnbeamter" veröffentlicht das „Wiener illustr. Extrablatt" folgende romantisch klingende Historie: Vor vielen Jahren wunderte ein Wiener jüdischer Kaufmann, Namens Sch., nach Italien ans, um sich daselbst eine Existenz zu gründen. In Perugia verliebte er sich in eine Fräulein Pccci, dessen Onkel Eardinal Pecci war. Der Onkel gab seine Genehmigung zur Verciuigung des Paares unter der Bedingung, daß Sch. zur katholischen Religion übertrete, was auch geschehen ist. Eardinal Pccci traute selbst das Paar. Sch. liest sich mit feiner Frau in Südamerika nieder und zwischen dem inzwischen Papst gewordenen Eardinal Pecci und seinem Neffen fand ein regelmäßiger Briefwechsel statt. Im Laufe der Zeit starb Frau Sch., und der Wittwer kehrte mit einem großen Vermögen nach Europa zurück. Sein erster Besuch galt seinem Onkel. Pabst Leo XIII., welcher denselben mit großer Freude empfing und ihm seinen Segen gab. „Ich bleibe Ihr Onkel, mein Sohn, möge Gott Sic in Ihrer Heimath segnen," waren die Abschieds- Worte des Pabstes. Nach langer Abwesenheit ließ sich Sch. wieder in Wien nieder, wo er zum Eonsnl des Süd amerikanischen Staates ernannt wurde, in welchem er seinen Reichthum erworben. Hier lernte er die Tochter eines Synagogenbeannen kennen und verliebte sich in sic. -Da aber die junge Dame ihre Religion nicht wechseln wollte, kehrte Sch. wieder zum Glauben seiner Väter zurück. Vor Kurzem fand unter großer Pracht die Hochzeit des Neffen des Pabstes mit der Tochter des Synagogcnbeamtcn statt. — Ob's war ist? E n g l a n d. Aus London wird geschrieben: Königin Victoria hat au den Neffen des verstorbenen Moutefiore, Herrn. Joseph Sebag, ein Beileidsschreiben gerichtet, dessen Schlußworte die weiteste Verbreitung verdienen. Sie lauten: Mein Herr! In dem Obigen versuchte ich, Ihnen Trost zu spenden über de» Tod Ihres Oheims, des Auscrwählten der Menschheit;